Über das Machen

Das Material antwortet

Warum Papier, Wasser und Farbe
keine passiven Werkzeuge sind

Als ich begann zu zeichnen, dachte ich, ich würde ein Material benutzen.

Papier war einfach Papier.

Graphit war Graphit.

Aquarellfarbe war Farbe.

Sie hatten eine bestimmte Funktion. Mehr nicht.

Heute sehe ich das anders.

Je länger ich arbeite, desto mehr habe ich das Gefühl, dass das Material selbst Teil des Gesprächs ist.

Aquarell in Blautönen: Pigment breitet sich aus, Konturen lösen sich auf, das Material gibt von sich her.
Verdichtung · Auflösung · Hergeben · Ausbreitung

Das Material macht nicht einfach mit

Jeder kennt diesen Moment.

Man setzt einen Pinsel an.

Das Wasser läuft weiter als erwartet.

Eine Farbe zieht in eine andere hinein.

Graphit haftet an einer rauen Stelle stärker als an einer glatten.

Ein Schwamm nimmt fast alles weg.

Oder überraschend wenig.

Früher hätte ich gedacht: „Das ist schiefgegangen.“

Heute frage ich mich häufiger: „Was zeigt mir das Material gerade?“

Nicht beherrschen – begegnen

Lange Zeit glaubte ich, gutes Zeichnen bedeute, das Material möglichst vollständig zu kontrollieren.

Heute interessiert mich etwas anderes.

Was passiert, wenn ich dem Material erlaube, seine eigenen Eigenschaften einzubringen?

Wasser fließt.

Pigmente sammeln sich.

Papier saugt.

Graphit schmiert.

Der Schwamm nimmt nicht einfach Farbe weg. Er hinterlässt neue Spuren.

Das Material ist nicht der Gegner meiner Idee.

Es ist ihr Gesprächspartner.

Jede Technik ist eine andere Sprache

Je nach Material verändert sich auch die Art des Dialogs.

Mit Bleistift kann ich langsam suchen.

Mit Tusche muss ich Entscheidungen treffen.

Aquarell fordert Vertrauen.

Kohle lädt zum Verwischen ein.

Jedes Material denkt gewissermaßen anders — genau die Bandbreite, die ich in Die Grammatik des Materials von Enkaustik bis zum digitalen Pinsel nachgezeichnet habe.

Nicht besser oder schlechter.

Nur anders.

Deshalb verändert sich auch meine Aufmerksamkeit.

Ich beginne nicht nur anders zu arbeiten.

Ich beginne anders zu sehen.

Das Bild entsteht zwischen uns

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied.

Ich mache das Bild nicht allein.

Das Material macht es auch nicht.

Das Bild entsteht zwischen meiner Absicht und den Möglichkeiten des Materials.

Manchmal führt meine Idee.

Manchmal das Wasser.

Manchmal entsteht etwas, das keiner von beiden geplant hat.

Gerade diese Momente interessieren mich.

Denn sie öffnen Türen, die ich allein nie gefunden hätte.

Zuhören statt Durchsetzen

Je länger ich arbeite, desto weniger möchte ich das Material überwinden.

Ich möchte verstehen, wie es reagiert.

Nicht jede Lasur möchte decken.

Nicht jede Linie möchte scharf sein.

Nicht jede Spur muss korrigiert werden.

Oft beginnt ein Bild genau dort lebendig zu werden, wo ich aufhöre, gegen das Material zu arbeiten, und anfange, mit ihm zu arbeiten.

Vielleicht besteht ein Teil künstlerischer Erfahrung genau darin: die Eigenart eines Materials nicht als Begrenzung zu erleben, sondern als Einladung.

Ausblick

Während ich das Material immer genauer beobachtete, fiel mir etwas auf.

Nicht nur Linien haben einen Charakter.

Nicht nur Farben.

Auch Bewegungen scheinen unterschiedliche Qualitäten zu besitzen.

Ein Fließen fühlt sich anders an als ein Wachsen.

Ein Aufbrechen anders als ein Sickern.

Vielleicht gibt es hinter allen sichtbaren Formen noch grundlegendere Kräfte.

Genau diesen Kräften möchte ich im nächsten Artikel nachgehen.