Werksgespräche · Juli 2026
Formangebote und Liniengewebe
Ein Bild-Dialog mit Carsten Nickol
Ein intensiver Dialog darüber, wie die Linie das Wesen der Farbe entweder schützt oder herausfordert. Wenn Linie und Farbe aufeinandertreffen, entsteht ein energetischer Verhandlungsprozess auf der Fläche: Sie können sich gegenseitig stützen, einander begrenzen oder sich in einer dichten Überlagerung völlig neu erfinden.
In diesem Vergleich sehen wir zwei fundamentale Wege, wie eine Linie die freie Bewegung der Farbe bändigt, führt oder im positiven Sinne überschreibt.
Linien – Im Spannungsfeld von Netz und Struktur
Die stützende Struktur (links): Im linken Bild agiert die Linie als ordnendes, fast behutsames Element. Sie hat die Aufgabe, die ungebundenen Farbflächen im offenen Raum zusammenzuhalten. Die Linien umtanzen das leuchtende Gelb und Grün, fangen die fließende Energie ab und geben ihr eine feine Orientierung, ohne der Farbe ihre Autonomie oder die Luft zum Atmen zu nehmen.
Das überwältigende Netz (rechts): Auf der rechten Seite schlägt diese Dynamik komplett um. Hier ordnen sich die Linien der Farbe nicht mehr unter, sondern weben ein dichtes, fast überwältigendes Netz über die zarten Farbtöne. Die dunkle Linienführung baut eine eigene, hochkomplexe Gewebestruktur auf, die die Fläche dominiert und die darunterliegenden Nuancen in ein vibrierendes, fast dramatisches Kraftfeld einbindet.
Genau das macht für mich den Reiz solcher Bild-Dialoge aus: Zu sehen, wie dasselbe grafische Werkzeug – die Linie – in einer Arbeit als offenes Gerüst dient und in der anderen als dominantes, alles überlagerndes Kraftfeld agiert.
Mehr Carsten Nickol.