Was ist emotionale Nähe genau?​

Gefühlte Zusammengehörigkeit

Eine Beziehung ohne emotionale Nähe bleibt unerfüllt und wird mit der Zeit spröde. Warum ist emotionale Verbundenheit so wichtig für uns? Warum gelingt es manchen Menschen nicht, sie herzustellen?

Darum ist emotionale Nähe wichtig!

Tief empfundene Nähe ist der Kitt einer Beziehung – und diese Nähe ist keine Frage der räumlichen Distanz, sondern eine Herzensangelegenheit. Emotionale Verbundenheit ist ein wichtiger Bestandteil jeder Beziehung, ob es sich um Freundschaft, Partnerschaft oder eine Familienbeziehung handelt.

Emotionale Verbundenheit ist deshalb für als Sozialwesen wichtig,

  • weil sie uns Halt gibt
  • weil sie uns Kraft gibt
  • weil sie uns Trost gibt
  • weil sie uns Freude gibt
  • weil sie uns Sicherheit gibt

Emotionale Verbundenheit ist eine Art Wachstumshormon für die Seele. Ohne diese emotionale Bindung fühlen wir uns allein, sind verunsichert im Umgang mit anderen Menschen und haben möglicherweise keinen Menschen, dem wir unsere Gedanken und Gefühle anvertrauen können.

Nicht einmal dieses vertrauensvolle Geschenk, unser Herz vor jemanden auszuschütten, können wir geben, wenn es uns nicht gelingt, mit Menschen eine emotionale Verbindung herstellen können.

Unsere Seele verkümmert ohne Kontakt und Nähe. Darum ist sie so wichtig, die emotionale Nähe.

Was ist emotionale Nähe genau?

In der Psychologie hat emotionale Nähe gerade auf der Beziehungsebene eine große Bedeutung. Laut Sigmund Freud trägt sie – neben dem Vertrauen, den gemeinsamen Werten, geteilten Ängsten und Wünschen – zu über 80 Prozent zum Gelingen partnerschaftlicher Kommunikation bei.

Emotionale Nähe ist die gefühlte Verbundenheit zu einer anderen Person. Vielen Menschen verstehen unter emotionaler Nähe und tiefer Verbundenheit das gleiche. Einige wenige assoziieren mit dem Begriff der „Nähe“ eher körperliche Intimität.

Tiefe Verbundenheit und Liebe

Nach dem Verständnis der meisten Menschen in unserem Kulturkreis ist Liebe die Bezeichnung für ein starkes Nähegefühl. Verbunden mit der Haltung inniger und tief empfundener Bindung zu einer oder mehreren Personen. Eine offenes wertfreies Gefühl, das über den „Nutzen“ einer zwischenmenschlichen Beziehung hinausgeht.

Liebe als Gefühl drückt am unmittelbarsten die Verbindung zu einem Menschen aus. Liebe braucht emotionale Intimität, die sich auf vier unterschiedlichen Ebenen entfaltet: Auf der …

  • körperlichen,
  • die emotionalen,
  • der intellektuellen und
  • der spirituellen Ebene.

„Nicht für jeden sind alle Ebenen gleich wichtig“, sagt Dr. Stefan Woinoff, Psychotherapeut und Beziehungsexperte vom Datingportal Zweisam. Mit dem Alter ändern sich die Bedeutungsschwerpunkte: „Während Sinnlichkeit und Emotionalität in der Jugend einen höheren Stellenwert genießen, legen viele Menschen in reiferen Jahren mehr Wert auf geistigen und auch spirituellen Austausch.“

Die dunkle und helle Seite emotionaler Nähe

Emotionale Nähe kann sowohl positiv als auch negativ erlebt werden. Wenn sie positiv erlebt wird, fühlst du dich – wie oben beschrieben – geborgen und geliebt. Wenn sie negativ erlebt wird, fühlst du eingeengt und bedrängt. Dann wird die Nähe des Partners oder auch schon allein sein Wunsch nach mehr Nähe erdrückend.

Die Erfahrung mit emotionaler Nähe machen wir alle, entweder in die eine – die positive Richtung – , oder in die andere, in die negative Richtung. Die Kunst in der Beziehung besteht auch darin, den Königsweg zwischen Nähe und Distanz zu finden.

Jeder für sich. Und leider liegen die Königswege bei manchen Partnern weit auseinander.

Inniger Kontakt auf verschiedenen Ebenen emotionaler Intimität ist existenziell für die seelische Gesundheit jedes einzelnen. Und natürlich für die Gestaltung einer glücklichen Beziehung.

Emotionale Nähe ist das Wachstumshormon der Seele.

Ekke Scholz

Wie lässt sich emotionale Nähe herstellen?

Emotionale Verbundenheit lässt sich auf vier Ebenen herstellen:

  • auf der körperlichen,
  • der geistigen,
  • der spirituellen und
  • auf der Gefühlsebene.

Emotionale Nähe wird auf verschiedene Weisen erlebt, zum Beispiel durch körperliche Berührung, Augenkontakt, Gespräche oder auch durch die Gestik und Mimik einer Person. 

Am schönsten ist sie, wenn alles gleichzeitig passiert.

Die vier Ebenen in der Liebe

Emotionale Nähe in einer Liebesbeziehung ist wie ein Nest, in das wir uns hineinlegen. Wir haben das freudige Gefühl, endlich verstanden zu werden. Der ein oder andere fühlt sich in seiner ganzen Individualität „entdeckt“ und gleichzeitig wächst die Bereitschaft, sein Leben zu teilen.

Die Partner begegnen sich auf Augenhöhe jenseits sozialer Hackordnungen, in denen sie leben. Die emotionale Nähe mit dem geliebten Menschen nährt unsere Seele.

In einer Verliebtheits-Phase wird aus gefühlter Verbundenheit blitzschnell sexuelle Anziehung.

Die stärkste körperliche Verbindung spüren wir bei der sexuellen Vereinigung. Die Intensität entsteht dadurch, dass neben der sinnlich-emotionalen Nähe zusätzlich die geistige und spirituelle Ebene angesprochen werden.

Die sexuelle Berührung ist kein Privileg der jungen Jahre, auch wenn es sich in der öffentlichen Wahrnehmung so anfühlt. Der Sexualtherapeut David Schnarch ist der Meinung, dass die Sexualität für ältere Menschen sogar erfüllender ist. Den Grund sieht er darin, dass hier zwei gereifte Persönlichkeiten miteinander schlafen.

In diesem Zusammenhang weist er darauf hin, dass Männer und Frauen unterschiedliche Zugänge zur emotionalen Nähe und zur Sexualität haben.

Während Frauen eher über die emotionale Verbundenheit zum Sex kommen, wird bei Männern oft eine im Alltag dominierende emotionale Distanz durch Sexualität aufgehoben. 

Verallgemeinert ausgedrückt: Die Frau muss sich wohlfühlen, um sich auf Sex einzulassen, der Mann sucht den Sex, um sich wohl zu fühlen.

Geistige und spirituelle Verbundenheit

Während sich der körperliche Kontakt manchmal wie ungebremste Anziehung anfühlt, ist die geistige oder spirituelle Nähe eher wie eine Bestätigung zusammenzugehören. Ähnliche Interessen, ähnliche Ansichten. Ein gutes miteinander Auskommen. Anregende Gespräche, der Austausch der Dinge, die uns beschäftigen, das Teilen unserer Gefühle – dies alles erzeugt emotionale Intimität

Die spirituelle Nähe öffnet sich über die Zweierbeziehung hinaus für andere Menschen und schließt Freunde und Bekannte mit ein.

Die Wichtigkeit der verschiedenen Ebenen verschiebt sich im Laufe des Lebens und auch während einer Partnerschaft. Ist die Sexualität noch bei jüngeren Menschen von großer Bedeutung, so wird im Laufe des Lebens die geistige und spirituelle Verbundenheit zunehmend wichtiger.

Ohne emotionale Nähe verhungern wir in unseren Beziehungen.

Wenn emotionale Nähe fehlt

Für eine glückliche und erfüllende Beziehung ist eine tief empfundene Verbindung mit seinem Partner eine Grundvoraussetzung. Doch wer genau ist eigentlich dein Partner? Ist es der Mensch, wie du ihn siehst, oder ist er der Mensch, wie er sich selbst sieht?

Gibt es da überhaupt einen Unterschied?

Wie du weißt, gibt ein immer ein Selbstbild und ein Fremdbild. Es gibt das Bild, das du von dir selbst hast, und das Bild, das dein Partner (oder anderen Menschen) von dir haben. Das gilt natürlich andersherum genauso.

Doch wie relevant ist dieser Unterschied für unseren Alltag? Im Umgang miteinander? Nun, ganz einfach: Jeder Mensch, mit dem wir Kontakt haben, denkt anders über sich als wir über ihn. Und er denkt anders über dich als du über dich.

Diese Schieflage in der Wahrnehmung sorgt für viel Streit und Unverständnis.

Die Diskrepanz zwischen beiden Vorstellungen kann klein oder groß sein. Sie kann nach kurzem Kennenlernen korrigiert werden oder sich jahrelang halten. Wird die Kluft zwischen dem Selbstbild und dem Fremdbild immer größer und wird sie nicht im Laufe der Jahre angepasst, lässt sich kaum noch emotionale Nähe herstellen.

Enttäuschungen

In den meisten Beziehungen sind die Erwartungen an den Partner sehr groß und wir hoffen, dass er sich nach unseren Vorstellungen verhält. Da der Partner diesem Wunschdenken oft nicht entspricht, werden die Enttäuschungen immer größer – und die Distanz wächst und wächst.

Erst in einer Beziehung, in der wir bereit sind, unsere eigenen Projektionen und unsere Erwartungen an den Partner loszulassen, können wir mit der Andersartigkeit des Partners wertschätzend umgehen und auch über die Andersartigkeit hinaus emotionale Verbundenheit herstellen.

Wenn emotionale Nähe fehlt, fehlt oft auch die Bereitschaft, seine Erwartungen, Forderungen und Urteile über die Menschen loszulassen. Dann ist die gefühlte fehlende Nähe eine Art „Trotzhaltung“, dass der Partner „nicht liefert!“: Die fehlende Anpassung an unsere Vorstellungen, wie er sein sollte.

Manchmal kennt er noch nicht einmal unsere Erwartungen, denn nicht wenige Menschen „verheimlichen“ ihr Denken, aber erwarten, dass der andere sie errät und von unseren Augen abliest.

Aus meiner Praxis

Gedanken raten

Sonja kommt zu einem meiner Präsenzseminaren mit Rückenschmerzen angereist, ohne dass sie es jemandem zeigt oder es in der Runde anspricht. Sie will kein Aufhebens um sich machen. 

Oft erwarten wir vom Partner, dass er unsere Gedanken errät und dementsprechend handeltIn der Pause wechselt sie vom Stuhl auf das Sofa, wo sie sich flach hinlegt. Die anderen Teilnehmerinnen arrangieren sich damit, dass außer Sonja keiner auf dem Sofa Platz hat. Keine sagt etwas. Jede isst ihren Vesper auf dem Stuhl oder auch im Stehen („Ach, es tut so gut, mal zu stehen!“). 

Irgendwann aber muss Soja auf Toilette. 

Als sie zurückkommt, liegt Julia auf dem Sofa.

Sonja stutzt erst, fängt sich und legt sich längst neben das Sofa. Den Kopf stützt sie auf den Arm, und so schaut sie unentwegt hoch zu Bärbel … aber nichts passiert.

Eher zufällig kommen wir nach derPause auf diese Situation zu sprechen. Und es stellt sich heraus, dass Sonja – während sie vor dem Sofa lag – erwartet hatte, dass Julia es doch spüren musste, dass sie wegen der Rückenschmerzen auf dem Sofa gelegen hatte. Aber nicht nur das: außerdem hat sie erwartet, dass wenn Julia schon von Sonjas Rückenschmerzen wüsste, sie mit Sicherheit ungefragt Platz machen müsste.

Sonja hat also erwartet, dass Julia erstens ihre Gedanken lesen kann und zweitens sofort Platz machen müsste. Das waren viele Erwartungen und Enttäuschungen auf einmal. Kein Wunder, dass sie es nach der Pause irgendwie schaffte, dass die Gruppe auf diese Situation zu sprechen kommt.

Ich finde es ein wunderbares Beispiel dafür, wie wir uns selbst mit unseren Erwartungen das Leben schwer machen. Unsere Mitmenschen – oder unser Partner – soll erraten, was wir uns selbst nicht trauen zu sagen. Projektion pur. 

Wenn du in deiner Beziehung etwas richtig schlecht machen möchtest, dann lass deinen Partner deine Gefühle und Gedanken, deine Wünsche und Bedürfnisse raten, und erwarte, dass er sie dann automatisch erfüllt.

Wenn es nicht gelingt, die Eigenständigkeit und die Eigenarten des Partners zu akzeptieren, arbeiten sich beide Partner monate- oder jahrelang aneinander ab. 

Die Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Der eine, der sich angeblich nicht zeigt, nur schweigt und nicht aus sich herauskommt, kämpft darum, endlich gesehen zu werden. Der andere aber will seinen Partner nach seinen Wünschen formen. In bester Absicht. Zu seinem Besten – vergeblich. Beziehung ist ein geistiges Kuddelmuddel.

Warum kann ich keine emotionale Nähe zulassen?

Weißt du, was du über emotionale Verbundenheit denkst? 

Was denkst du über Beziehungen und Freiheit? 

Welche Angst hast du, wenn du an emotionale Nähe denkst?

Was auch immer deine Antworten lauten: Es sind deine Glaubenssätze über dich, über die anderen und die Welt, die deine Wahrnehmung filtern und verengen, und die dich einerseits mit der Welt verbinden und dich andererseits von ihr trennen. Es sind deine Glaubenssätze, die emotionale Bindung „erlauben“ oder „verbieten“.

Es sind Sätze wie „Wenn ich mich binde, verliere ich meine Freiheit!“ 

Jeder von uns hat andere Glaubenssätze, die sein Leben bestimmen und die ihn durchs Leben führen.

Und Partnerschaften und Beziehungen werden „gemacht“ von unseren Glaubenssätzen, unseren Erwartungen an uns und den Partner. Sie laufen unterbewusst ab. 

Werden sie vom Partner erfüllt, heben wir aber. Werden sie ständig vom Partner enttäuscht, lassen wir schnell die Schultern hängen.

Wollen wir emotionale Nähe mit unserem Partner herstellen, müssen wir uns unserer Urteile und Glaubenssätze bewusst werden und sie loslassen. Weit verbreitete Tipps, die empfehlen, sich einmal die Woche für Zweisamkeit freizuhalten, werden von uns selbst boykottiert, wenn wir über uns denken: 

  • „Ich habe meinen Partner nicht verdient!“ 
  • „Ich bin beziehungsunfähig!“
  • „Ich bin langweilig und unattraktiv!“.

Solange wir das über uns denken, werden wir einen solchen vereinbarten Termin für eine garantierte Zweisamkeit eher meiden und lieber nur von ihr träumen. In der Badewanne oder bei einem Waldspaziergang.

Um mit unserem Partner ein dauerhaftes Liebesverhältnis haben zu können, müssen wir ihn ohne Urteil wahrnehmen können. Das ist nicht immer leicht. Denn die unzähligen Konflikte oder die vielen Enttäuschungen festigen sich zu unüberwindbaren Mauern, die zwischen uns stehen. Wie so oft: Loslassen ist die Devise.

Loslassen ist Wertschöpfung der Seele.

Ekke Scholz

Doch nicht nur sehr individuelle Überzeugungen und Glaubenssätze unserer gemeinsamen Geschichte mit dem Partner stehen zwischen uns, sondern auch die „allgemeingültigen“  Glaubenssätze über Beziehung, zum Beispiel über Treue und Sexualität, oder die in uns lebenden Klischees über Männer und Frauen. Sie legen sich wie ein grauer Filter über unsere Wahrnehmung.

Wenn du wissen willst, warum es dir nicht gelingt, emotionale Nähe zu deinem Partner herzustellen, beginne die Suche bei deinen Glaubenssätzen über Partnerschaft und Beziehung.

Angst vor emotionaler Nähe ist nicht angeboren, sondern im Laufe des Lebens erworben. Und diese Einstellungen lassen sich rückgängig machen.


 a) Kommunikation
 b) Zuhören
 c) Intimität
 d) Ehrlichkeit
 e) Zeit miteinander verbringen

Ich liebe es, wenn Menschen Freudensprünge machen. Wie ich. Der Weg dorthin – mein Ding. Gemeinsam verwandeln wir das Ich-Kann-Nicht in ein Wow-So-Geht’s. Aus einem Irgendwann-Mal machen wir ein JETZT. Für deine Freudensprünge.

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