Über das Machen
Ein Bild entsteht nicht aus Formen.
Es entsteht aus Beziehungen.
Warum nicht die Form zählt, sondern das,
was zwischen zwei Formen entsteht
Im letzten Artikel habe ich beschrieben, warum prozesshaftes Arbeiten viele Menschen verunsichert. Wer kein fertiges Bild vor Augen hat, braucht andere Werkzeuge, um sich orientieren zu können.
Doch woran orientiere ich mich eigentlich?
Diese Frage hat mich in den letzten Wochen intensiv beschäftigt. Und plötzlich hatte ich eine überraschend einfache Antwort:
Nicht an Formen. Sondern an Beziehungen.
Das klingt zunächst abstrakt. Tatsächlich begegnet uns dieses Prinzip jedoch ständig – oft, ohne dass wir es bemerken.
Eine Form allein erzählt noch nichts.
Ein einzelner Kreis ist einfach nur ein Kreis.
Ein Rechteck bleibt ein Rechteck.
Erst wenn zwei Formen aufeinandertreffen, beginnt etwas zu geschehen.
Sie können sich annähern oder voneinander entfernen. Sie können sich überlagern oder ausweichen. Sie können miteinander harmonieren oder Spannung erzeugen.
Mit einem Mal entsteht Bewegung.
Nicht, weil sich die Formen verändert haben, sondern weil eine Beziehung entstanden ist.
Genau darin liegt für mich der eigentliche Beginn eines Bildes.
Das Bild antwortet
Wenn ich heute zeichne, frage ich mich immer seltener: „Ist diese Figur richtig?“
Viel häufiger frage ich:
- Welche Beziehung entsteht gerade?
- Passt diese Linie zu der anderen?
- Braucht diese Fläche einen Gegenpol?
- Ist zwischen den beiden Figuren Nähe oder Distanz entstanden?
Das Bild beginnt, mir Antworten zu geben.
Nicht in Worten.
Sondern durch Beziehungen.
Eine neue Linie verändert plötzlich das Gewicht des ganzen Bildes. Eine dunkle Fläche lässt eine helle Fläche leuchten. Eine kleine Form kann einer großen Form Halt geben.
Jede Entscheidung verändert das Beziehungsgefüge.
Und genau daraus entsteht der nächste Schritt.
Auch Menschen lesen wir über Beziehungen
Vielleicht fällt uns dieser Gedanke bei Figuren leichter.
Zwei Menschen, die weit voneinander entfernt stehen, erzählen etwas anderes als zwei Menschen, die sich berühren.
Ein gesenkter Blick verändert die ganze Situation.
Eine Hand auf einer Schulter erzählt mehr als viele Details eines Gesichts.
Interessanterweise funktioniert abstrakte Malerei ganz ähnlich.
Auch dort erzählen nicht die einzelnen Formen.
Es erzählen ihre Beziehungen.
Beziehung ist das eigentliche Material
Vielleicht war das meine wichtigste Erkenntnis der letzten Zeit.
Ich arbeite nicht mit Linien, Farben oder Flächen.
Das sind nur die Mittel.
Eigentlich arbeite ich mit Beziehungen — genau das Gewicht, um das es auch in … überall die gleiche Sorgfalt ging, nur dort unter einem anderen Namen.
Zwischen hell und dunkel.
Zwischen groß und klein.
Zwischen Ruhe und Bewegung.
Zwischen Nähe und Distanz.
Zwischen dem, was sichtbar wird, und dem, was verborgen bleibt.
Je genauer ich diese Beziehungen wahrnehme, desto weniger brauche ich einen festen Plan.
Denn jede Beziehung schlägt bereits den nächsten Schritt vor.
Ausblick
Diese Erkenntnis führte mich zu einer neuen Frage.
Wenn Beziehungen das eigentliche Material eines Bildes sind – was erzählt dann eigentlich eine Linie?
Bisher dachte ich, eine Linie beschreibt vor allem eine Form.
Heute vermute ich, dass sie noch etwas anderes kann.
Vielleicht besitzt eine Linie sogar eine eigene Zeit.
Darum soll es im nächsten Artikel gehen.