Über das Machen
Prozesshaft arbeiten –
aber woran orientiere ich mich?
Richtung ohne Ziel — und die Werkzeuge,
die ein Prozess wirklich braucht
Wer zum ersten Mal hört, dass er auch prozesshaft arbeiten kann, nickt schnell zustimmend. Das klingt offen, kreativ und frei.
Bis zu dem Moment, an dem er beginnen will.
Dann beginnt die Unsicherheit.
Die Frage, die er sich stellt: Wenn ich kein fertiges Bild vor Augen habe – woran orientiere ich mich dann? Woher weiß ich, ob ich auf dem richtigen Weg bin?
Ergebnisorientiertes Arbeiten – also das Malen oder Zeichnen eines bestimmten Bildes, das man als Vorlage auf Papier oder im Kopf hat – beantwortet diese Fragen relativ leicht. Das Ziel steht fest. Jeder Arbeitsschritt bringt den Künstler diesem Ziel näher.
Beim prozesshaften Arbeiten funktioniert das so nicht. Es gibt kein Ziel, das man im Auge hat.
Das Ziel entsteht erst während des Arbeitens.
Und genau das verunsichert viele Menschen.
Nicht, weil sie den Prozess ablehnen, sondern weil ihnen die Werkzeuge fehlen, den Malprozess am Laufen zu halten.
Prozess ist kein Zufall
Prozesshaftes Arbeiten wird oft als Beliebigkeit erlebt.
Nach dem Motto: „Ich fange einfach an und schaue, was passiert.“
Das kann funktionieren, führt aber immer wieder auch in eine gewisse Orientierungslosigkeit.
Aber ein guter Prozess besitzt durchaus eine Richtung. Nur kennt er sein Ergebnis noch nicht.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Wasser, das bergab fließt, kennt seinen genauen Weg nicht im Voraus. Es folgt keinem Plan – nur der Neigung des Geländes, Stein für Stein, Mulde für Mulde. Trotzdem verirrt es sich nie. Es findet immer einen Weg nach unten, auch wenn niemand vorher sagen konnte, welchen genau.
Auch beim prozesshaften Arbeiten braucht man Orientierungspunkte oder Methoden, die sinnstiftend wirken.
Nicht die Aussicht auf das fertige Bild führt mich, sondern das, was während der Arbeit sichtbar wird — genau die Haltung, die ich in Nicht schön machen. Begegnung machen. beschrieben habe.
Der Prozess braucht Werkzeuge
Je länger ich zeichne, desto klarer wird mir: Prozesshaftes Arbeiten bedeutet nicht, auf Werkzeuge zu verzichten.
Es bedeutet, andere Werkzeuge zu benutzen.
Ich frage mich zum Beispiel nicht: „Gefällt mir das Bild schon?“ „Was fehlt noch?“
Sondern:
- Wo entsteht gerade Spannung?
- Welche Form sucht eine Beziehung?
- Welche Linie möchte weitergehen?
Das entstehende Bild gibt mir ständig Hinweise, wie es weitergehen möchte — nicht anders, als das Material selbst antwortet, wenn man aufhört, es zu beherrschen, und anfängt, es zu befragen.
Ich muss lernen, diese Hinweise wahrzunehmen.
Vom Ergebnis zum Gespräch
Vielleicht liegt genau hier der größte Unterschied.
Ergebnisorientiertes Arbeiten gleicht oft dem Abarbeiten eines Plans.
Prozesshaftes Arbeiten gleicht einem Gespräch.
Ich höre zu. Ich antworte. Das Bild antwortet zurück.
Mit jedem Schritt verändert sich die Situation. Aus dieser Veränderung entsteht der nächste Schritt.
Nicht zufällig. Sondern folgerichtig.