Über das Machen
Hinter jeder Form
wirkt eine Kraft
Warum ich nicht mehr nur zeichne,
was ich sehe
Wenn wir zeichnen, sprechen wir meist über Formen.
Über Linien.
Über Flächen.
Über Farben.
All das kann man sehen.
Doch während ich arbeitete, hatte ich immer häufiger das Gefühl, dass mich etwas anderes interessiert.
Nicht die Form selbst.
Sondern das, was sie hervorgebracht hat.
Ein roter Fleck kann vieles sein
Vor einiger Zeit entstand in einem meiner Bilder ein kleiner roter Fleck.
Zunächst war er einfach nur Farbe.
Doch je länger ich ihn betrachtete, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass er etwas tat.
Er lag nicht einfach auf dem Papier.
Er schien sich auszubreiten.
An einer anderen Stelle floss dieselbe Farbe langsam nach unten.
Es sah nicht nach derselben Bewegung aus.
Obwohl es dieselbe Farbe war.
Nicht jede Bewegung ist gleich
Plötzlich begann ich genauer hinzusehen.
Es gibt Bewegungen, die drängen.
Andere wachsen.
Wieder andere sickern.
Manche breiten sich aus.
Andere verdichten sich.
Ein Tropfen kann fallen.
Eine Lasur kann schweben.
Eine Linie kann sich ihren Weg bahnen.
Von außen sehen wir Farbe.
Innerlich erleben wir eine Kraft.
Wir erkennen Kräfte, nicht nur Formen
Vielleicht kennen wir dieses Phänomen längst aus der Natur.
Wir sehen nicht den Wind.
Wir sehen, wie sich Gräser bewegen.
Wir sehen nicht die Schwerkraft.
Wir sehen den fallenden Stein.
Wir sehen nicht das Wachstum.
Wir sehen einen Baum.
Die Kraft selbst bleibt unsichtbar.
Erst ihre Spuren machen sie sichtbar.
Vielleicht verhält es sich im Bild genauso.
Zeichnen verändert seinen Gegenstand
Früher hätte ich versucht, eine Pflanze zu zeichnen.
Heute interessiert mich manchmal mehr das Wachsen.
Früher hätte ich Wasser gemalt.
Heute frage ich mich: Wie zeichnet man Fließen?
Nicht einen Fluss.
Sondern das Prinzip des Fließens.
Dasselbe gilt für Verdichten.
Für Zerfallen.
Für Durchbrechen.
Für Ausbreiten.
Plötzlich werden Formen zu Trägern einer Bewegung.
Das Bild wird allgemeiner
Das Faszinierende daran ist: Sobald ich nicht mehr den Gegenstand zeichne, sondern die Kraft dahinter, verliert das Bild nichts.
Im Gegenteil.
Es wird offener.
Ein Betrachter sieht vielleicht Wurzeln.
Ein anderer Rauch.
Ein dritter Blutgefäße.
Alle erkennen etwas anderes.
Und doch erleben sie dieselbe Kraft.
Vielleicht liegt genau darin die Stärke abstrakter Malerei.
Sie zeigt nicht Dinge.
Sie zeigt Prinzipien.
Ausblick
Diese Erkenntnis brachte mich zu einer neuen Frage.
Wenn Bilder Kräfte sichtbar machen können – woher kommt eigentlich ihre Wirkung?
Warum wirkt eine kleine dunkle Form manchmal schwer, obwohl sie kein Gewicht hat?
Warum empfinden wir Spannung zwischen zwei Flächen?
Warum scheint eine Linie zu fallen oder aufzusteigen?
Vielleicht folgen Bilder eigenen Gesetzmäßigkeiten.
Nicht den Gesetzen der Perspektive.
Sondern den Gesetzen der Wahrnehmung.
Darüber möchte ich im nächsten Artikel nachdenken.