Über das Machen
Jede Linie ist
eine Typfrage
Manche Linienqualität lässt sich nicht erüben
Manche Wahrheiten sind unbequem.
Diese hier gehört dazu: Nicht jede Linienqualität lässt sich erüben.
Ein zurückhaltender Mensch wird wahrscheinlich immer vorsichtiger zeichnen als ein forscher. Ein bedächtiger Mensch wird selten die impulsive, schnelle Linie eines ungeduldigen Menschen finden. Nicht, weil er es nicht oft genug geübt hätte. Sondern weil die Linie nicht nur von der Hand kommt.
Sie kommt vom Typ.
Die stille Sehnsucht nach der falschen Linie
Viele schielen – oft unbewusst – nach einem Ausdruck, den sie als Mensch, der sie sind, gar nicht liefern können. Sie sehen eine wilde, impulsive Zeichnung und wünschen sich genau diese Qualität, während ihre eigene Hand von Natur aus vorsichtig, prüfend, bedacht arbeitet.
Das ist keine Frage von Talent oder Übungsstand. Das ist eine Frage von Temperament.
Man kann eine ruhige Linie nicht in eine wilde verwandeln, indem man sie oft genug übt. Man kann höchstens lernen, seine eigene Ruhe nicht mehr zu verstecken.
Warum das schwerer ist, als es klingt
„Sei einfach du selbst“ klingt nach einem billigen Trost. Und für viele ist es das auch – weil sie längst verlernt haben, überhaupt zu bemerken, was ihr Eigenes ist.
Wer lange gewohnt war, sich nach anderen zu richten – nach dem, was gebraucht wurde, was erwartet wurde, was gerade dran war –, hat oft auch verlernt, die eigene Bewegung von der angepassten zu unterscheiden. Die Frage „Wie würde ich das machen, wenn niemand zuschaut?“ hat für solche Menschen keine schnelle Antwort parat.
Deshalb ist der Rat, „einfach die eigene Linie zu finden“, manchmal weniger tröstlich, als er klingt. Er verlangt zuerst etwas viel Schwierigeres: sich selbst überhaupt wieder wahrzunehmen.
Der Kern-Shift
Die Linie, die du suchst, ist vielleicht gar nicht die, die zu dir gehört.
Und die Linie, die zu dir gehört, ist vielleicht die, die du gerade übersiehst, weil sie dir zu unspektakulär vorkommt.
Wie schon in Jede Linie erzählt zwei Geschichten beschrieben: Eine Linie erzählt immer auch etwas über den, der sie zieht. Die Typfrage geht noch einen Schritt weiter – sie sagt: Diese Erzählung ist nicht nur eine Momentaufnahme deiner Tagesverfassung.
Manches davon bist einfach du.
Zurück zum Prozess
Die Frage verschiebt sich also ein zweites Mal.
Nicht mehr: Wie kriege ich eine Linie hin, die nicht zu mir passt?
Auch nicht nur: Darf meine Linie unsicher sein?
Sondern: Was ist eigentlich meine Linie – bevor ich sie mit einer verglichen habe, die mir gefällt?
Ausblick
Das ist keine bequeme Erkenntnis. Manche erträumte Ausdrucksqualität wirst du nie erreichen, weil sie nicht zu dir passt.
Aber das ist keine Einschränkung. Es ist eine Entlastung.
Du musst nicht mehr der Linie eines anderen Typs hinterherjagen. Du darfst anfangen, deine eigene überhaupt erst wiederzuerkennen.