Über das Machen
Jede Linie erzählt
zwei Geschichten
Was eine Linie über das Motiv verrät –
und was über den Zeichner
Im letzten Artikel habe ich die Vermutung geäußert, dass eine Linie mehr kann, als lediglich eine Form zu beschreiben.
Sie kann sichtbar machen, dass etwas entsteht.
Oder sich auflöst.
Sie besitzt also nicht nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Dimension.
Während ich weiterzeichnete, fiel mir jedoch noch etwas auf.
Vielleicht erzählt jede Linie sogar zwei Geschichten gleichzeitig.
Die erste Geschichte
Die erste Geschichte kennen wir alle.
Eine Linie beschreibt einen Gegenstand.
Sie zeigt den Umriss eines Gesichts.
Die Richtung eines Astes.
Die Krümmung einer Schulter.
Sie hilft uns zu erkennen, was wir sehen.
Darauf basiert fast jede klassische Zeichenausbildung.
Die Linie dient der Beschreibung.
Die zweite Geschichte
Doch während ich zeichnete, bemerkte ich etwas Merkwürdiges.
Zwei Menschen können dieselbe Vase zeichnen.
Die Linien verlaufen an denselben Stellen.
Und dennoch wirken beide Zeichnungen völlig unterschiedlich.
Warum?
Nicht wegen der Vase.
Sondern wegen der Art, wie sie gezeichnet wurde.
Eine Linie kann tastend wirken.
Oder entschlossen.
Sie kann vorsichtig sein.
Oder mutig.
Sie kann sich langsam vortasten oder mit einer einzigen Bewegung den Raum durchschneiden.
Plötzlich erzählt die Linie nicht mehr nur etwas über den Gegenstand.
Sie erzählt etwas über den Menschen, der sie gezogen hat.
Zeichnen ist immer auch Selbstbegegnung
Das bedeutet nicht, dass jede Linie unsere Persönlichkeit offenlegt.
Aber sie zeigt etwas von unserer Haltung in diesem Augenblick.
Bin ich auf Kontrolle aus?
Oder lasse ich mich überraschen?
Suche ich Sicherheit?
Oder wage ich einen Schritt ins Unbekannte?
Bin ich bereit, eine Linie stehen zu lassen, obwohl sie nicht perfekt ist?
Oder korrigiere ich sofort?
Jede dieser Entscheidungen hinterlässt Spuren.
Nicht nur im Bild.
Auch in der Qualität der Linie.
Deshalb sehen Zeichnungen so unterschiedlich aus
Vielleicht liegt genau hier das Geheimnis.
Viele Anfänger fragen: „Wie muss ich zeichnen, damit es aussieht wie bei diesem Künstler?“
Aber dieselbe Linie lässt sich nicht einfach kopieren.
Denn sie entsteht nicht nur aus der Hand.
Sie entsteht aus einer Haltung.
Aus Aufmerksamkeit.
Aus Vertrauen.
Aus Zögern.
Aus Entschlossenheit.
Wer nur die Form kopiert, übernimmt nicht automatisch die innere Bewegung, aus der diese Form entstanden ist.
Eine Linie ist eine Begegnung
Deshalb glaube ich inzwischen, dass eine Linie weder nur den Gegenstand beschreibt noch nur den Zeichner.
Sie entsteht genau dort, wo beide einander begegnen.
Sie ist die Spur dieser Begegnung.
Man könnte sagen: Die Linie gehört weder ausschließlich zum Motiv noch ausschließlich zum Künstler.
Sie gehört zu ihrer Beziehung.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum uns manche Zeichnungen so tief berühren.
Nicht weil sie besonders genau sind.
Sondern weil wir in ihnen eine echte Begegnung spüren.
Ausblick
Mit dieser Erkenntnis veränderte sich auch mein Blick auf das Material.
Bis dahin hatte ich Papier, Graphit, Wasser oder Farbe vor allem als Werkzeuge verstanden.
Doch plötzlich schien auch das Material selbst zu antworten.
Es widersetzt sich.
Es fließt.
Es nimmt Farbe auf oder gibt sie wieder frei.
Vielleicht entsteht ein Bild nicht nur in der Begegnung zwischen Zeichner und Motiv.
Vielleicht gibt es noch einen dritten Gesprächspartner: das Material.
Darum soll es im nächsten Artikel gehen.
Eine Anmerkung zu dieser Serie
Mir fällt auf, dass sich die Texte in zwei Ebenen entwickeln.
Die erste Ebene ist die Erkenntnisreise: Jede Beobachtung führt zur nächsten.
Die zweite Ebene ist fast unbemerkt eine neue Definition des Zeichnens:
- Zeichnen ist kein Abbilden.
- Zeichnen ist kein Ausdruck.
- Zeichnen ist auch kein bloßes Gestalten.
Zeichnen ist eine Begegnung.