Über das Machen

Linien zwischen Zustand und Vorgang

Warum eine unterbrochene Linie etwas anderes erzählt
als eine geschlossene

Lange Zeit habe ich eine unterbrochene Linie vor allem unter dem Blickwinkel der Gestaltpsychologie betrachtet.

Sie besagt: Wenn eine Form nicht vollständig geschlossen ist, ergänzt unser Gehirn das fehlende Stück und schließt die Form.

Wir sehen also trotzdem einen Kreis.

Oder ein Gesicht. Oder einen Baum.

Das Gesetz der Geschlossenheit erklärt dieses Phänomen sehr überzeugend.

Eine Linie beschreibt nicht nur eine Form

Vor einigen Tagen fiel mir beim Zeichnen etwas auf.

Ich arbeitete mit Linien, die immer wieder abrissen, neu begannen oder dünner wurden und sich schließlich auf dem Papier verloren.

Sie wirkten lebendiger als eine sauber geschlossene Kontur.

Warum eigentlich?

Nicht, weil sie gefühlt ungenauer oder unvollständig die Form beschrieben.

Sondern weil sie etwas erzählten.

Die Linie und der Faktor Zeit

Plötzlich kam mir ein Gedanke.

Vielleicht unterscheidet sich eine geschlossene Linie von einer unterbrochenen Linie gar nicht nur durch die unterschiedliche Beschreibung der Form.

Sondern durch den Faktor Zeit, den sie hinzufügt.

Eine geschlossene Linie beschreibt einen Zustand.

Sie sagt: So ist es.

Eine unterbrochene Linie ist die Momentaufnahme eines Vorgangs.

Sie sagt vielleicht: Es entsteht gerade.

Oder: Es löst sich gerade auf.

Die unterbrochene Linie fügt einer Zeichnung die vierte Dimension hinzu: die Zeit.

Sie zeigt nicht nur, wie etwas geformt ist.

Sondern deutet einen Vorgang an. Werden oder Auflösung.

Linien beschreiben Veränderung

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Möglichkeiten entdeckte ich.

Eine Linie kann breiter werden, anschwellen oder abschwellen.

Sie kann ausfransen.

Oder langsam verschwinden.

Dadurch entstehen ganz unterschiedliche Wirkungen.

Eine Form, dargestellt durch eine geschlossene Linie, vermittelt Sammlung. Gewissheit.

Eine Form, dargestellt durch eine mehrfach unterbrochene Linie, deutet an, dass etwas entsteht oder zerfällt. Sie zeigt uns ein Stück weit Zukunft.

Eine Linie, die sich öffnet, kann Befreiung bedeuten.

Oder Verlust.

Aber nicht die Linie selbst entscheidet darüber, wie wir die Zeichnung erleben.

Sondern die Zusammenhänge der einzelnen Elemente auf dem Papier.

Zeichnen ist erzählerisch

Mir wurde klar: Ich zeichne nicht nur Gegenstände und beschreibe ihr Aussehen.

Mit unterbrochenen Linien zeichne ich Vorgänge.

Eine Figur ist nicht einfach vorhanden.

Sie entsteht.

Oder sie verschwindet vor meinen Augen - obwohl ich gerade Linie um Linie der Zeichnung hinzufüge.

Das verändert meinen gesamten Zeichenstil.

Ich muss Formen nicht mehr vollständig erklären.

Ich darf sie im Werden zeigen.

Oder im Vergehen.

Der Betrachter ergänzt nicht nur die fehlende Kontur.

Er erlebt die Zeit.

Eine neue Frage

Während ich diese Linien zeichnete, fiel mir noch etwas auf.

Die Linie erzählt nicht nur etwas über das Motiv.

Sie erzählt gleichzeitig etwas über mich.

Manche Linien entstehen zögernd.

Andere mutig.

Wieder andere wirken tastend oder entschlossen.

Vielleicht beschreibt eine Linie nie nur das Objekt.

Vielleicht beschreibt sie immer auch die Beziehung des Zeichners zu diesem Objekt.

Kann eine Linie das Äußere, das Objekt, und gleichzeitig das Innere beschreiben? Mich als Subjekt?