Über das Machen
Storytelling beginnt
lange vor der ersten Figur
Warum auch abstrakte Malerei
Geschichten erzählen kann
Wenn wir von Storytelling sprechen, denken die meisten sofort an Menschen.
An Gesichter.
An Landschaften.
An Situationen, die eine Geschichte erzählen.
Deshalb gilt figürliche Malerei oft als erzählerisch und abstrakte Malerei als eher dekorativ oder emotional.
Ich glaube inzwischen, dass das zu kurz gedacht ist.
Denn Geschichten entstehen nicht erst durch Figuren.
Sie entstehen durch Beziehungen.
Jede Geschichte lebt von Beziehungen
Eine Geschichte braucht keine Menschen.
Sie braucht Gegensätze.
Nähe und Distanz.
Spannung und Entspannung.
Ordnung und Chaos.
Anziehung und Widerstand.
Veränderung.
Genau dieselben Kräfte begegnen uns auch in einem abstrakten Bild.
Eine dunkle Fläche drängt gegen eine helle.
Eine Linie sucht Anschluss.
Ein Farbklang wird plötzlich unterbrochen.
Ein leerer Raum erhält Bedeutung, weil sich etwas auf ihn zubewegt.
Noch bevor wir etwas erkennen, erleben wir bereits etwas.
Unser Gehirn sucht Zusammenhänge
Der Mensch kann gar nicht anders.
Sobald zwei Elemente miteinander in Beziehung treten, beginnt unser Gehirn, eine Bedeutung zu suchen.
Warum steht diese Form dort?
Warum bleibt zwischen diesen beiden Flächen so viel Raum?
Warum kippt das Gewicht des Bildes nach links?
Wir lesen ein Bild nicht wie eine Ansammlung von Formen.
Wir lesen Beziehungen.
Und aus Beziehungen entsteht Bedeutung.
Auch abstrakte Bilder erzählen
Vielleicht erzählen sie keine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende.
Aber sie erzählen dennoch.
Sie erzählen von Annäherung.
Von Trennung.
Von Widerstand.
Von Balance.
Von Unsicherheit.
Von Ruhe.
Manchmal reichen zwei Linien aus, um den Eindruck zu erzeugen, dass sich etwas begegnet.
Oder dass etwas auseinanderdriftet.
Eine einzelne Form kann verletzlich wirken.
Eine andere dominant.
Obwohl beide nichts darstellen.
Figuren machen die Geschichte nicht. Sie machen sie sichtbarer.
In den letzten Tagen habe ich begonnen, wieder Figuren zu zeichnen.
Das Überraschende war nicht, dass plötzlich Geschichten entstanden.
Sie waren vorher schon da.
Die Figuren machten sie lediglich leichter lesbar.
Was ich vorher zwischen Flächen, Linien und Tonwerten untersucht hatte, erschien nun zwischen zwei Menschen.
Plötzlich ging es um Nähe.
Um Blickrichtungen.
Um Berührung.
Um Abstand.
Die Beziehungen waren dieselben.
Nur ihre Sprache hatte sich verändert.
Vielleicht ist jedes Bild eine Begegnung
Je länger ich arbeite, desto weniger unterscheide ich zwischen abstrakter und figürlicher Malerei.
Beide stellen letztlich dieselbe Frage:
Welche Beziehung entsteht hier gerade?
Die Figuren sind dabei nur eine Möglichkeit.
Manchmal reichen zwei Farbflächen.
Manchmal genügt eine Linie.
Manchmal erzählt schon ein leerer Raum mehr als eine detaillierte Szene.
Vielleicht beginnt Storytelling genau dort: nicht, wenn wir etwas darstellen, sondern wenn wir beginnen, Beziehungen sichtbar zu machen.
Ausblick
Beim Schreiben dieses Artikels wurde mir klar, dass Beziehungen nicht nur zwischen Formen entstehen. Auch eine einzelne Linie besitzt bereits eine erstaunliche Ausdruckskraft. Sie beschreibt nicht nur Raum – sie beschreibt möglicherweise auch Zeit.
Genau dieser Gedanke führte mich zu einer neuen Entdeckung, der ich im nächsten Artikel nachgehen möchte.