Über das Machen
Warum alles nach unten will
Die Schwerkraft als erste Kraft der Bildgestaltung
Wenn wir an Schwerkraft denken, denken wir an Physik.
An Äpfel, die vom Baum fallen.
An Steine.
An unseren eigenen Körper.
Doch irgendwann fiel mir auf, dass die Schwerkraft nicht nur unsere Welt prägt.
Sie prägt auch unsere Bilder.
Ein Blatt Papier kennt eigentlich kein Oben und Unten
Nimm ein leeres Blatt Papier.
Solange nichts darauf zu sehen ist, gibt es kein Oben und kein Unten.
Das Blatt könnte genauso gut auf dem Kopf stehen.
Erst wenn du den ersten Strich setzt, verändert sich etwas.
Plötzlich beginnt das Blatt eine Richtung zu bekommen.
Obwohl das Papier völlig unverändert geblieben ist.
Ein Punkt genügt
Zeichne einen kleinen schwarzen Punkt.
Ganz oben auf dem Blatt.
Jetzt denselben Punkt ganz unten.
Beide Punkte sind gleich groß.
Gleich dunkel.
Und doch wirken sie völlig unterschiedlich.
Der obere Punkt scheint instabil.
Fast so, als könnte er herunterfallen.
Der untere wirkt angekommen.
Ruhig.
Getragen.
Niemand hat dir das erklärt.
Und trotzdem empfindest du es so.
Warum?
Weil dein Sehen untrennbar mit deiner Erfahrung der Schwerkraft verbunden ist.
Schwerkraft ist mehr als Fallen
Die Schwerkraft zeigt sich nicht nur im Fallen.
Sie zeigt sich überall.
Eine breite Form unten vermittelt Stabilität.
Dieselbe Form oben wirkt überraschend schwer.
Eine feine Linie, die nach unten führt, fühlt sich anders an als dieselbe Linie nach oben.
Selbst abstrakte Bilder entkommen dieser Erfahrung nicht.
Sie sprechen dieselbe Sprache.
Gegen die Schwerkraft
Spannend wird es dort, wo Bilder beginnen, gegen diese Erwartung zu arbeiten.
Eine schwere Form schwebt.
Eine kleine Form trägt eine große.
Etwas scheint aufzusteigen.
Oder sich gerade noch zu halten.
Plötzlich entsteht Spannung.
Nicht weil die Form anders geworden wäre.
Sondern weil sie unserer Erfahrung widerspricht.
Vielleicht berühren uns solche Bilder gerade deshalb.
Sie zeigen nicht nur die Welt, wie sie ist.
Sie zeigen auch, wie sie sein könnte.
Die Schwerkraft ist kein Gesetz für Künstler
Ich möchte daraus keine Regel machen.
Es geht nicht darum, schwere Formen immer nach unten zu setzen.
Im Gegenteil.
Gerade weil wir die Schwerkraft intuitiv kennen, können wir mit ihr spielen.
Wir können sie bestätigen.
Oder bewusst infrage stellen.
Doch beides funktioniert nur, wenn wir sie überhaupt wahrnehmen.
Eine Einladung
Wenn du das nächste Mal zeichnest oder ein Bild betrachtest, achte einmal nur auf diese eine Frage:
Wo wirkt die Schwerkraft?
Nicht im dargestellten Motiv.
Sondern im Bild selbst.
Welche Formen scheinen getragen zu werden?
Welche wirken instabil?
Welche steigen auf?
Welche sinken ab?
Vielleicht wirst du feststellen, dass du plötzlich etwas siehst, das dir vorher nie aufgefallen ist.
Ausblick
Die Schwerkraft war für mich nur der Anfang.
Denn sobald etwas Gewicht bekommt, entsteht sofort eine neue Frage:
Wie kommt ein Bild ins Gleichgewicht?
Genau darum soll es im nächsten Artikel gehen.