Über das Machen

Warum ein Bild wirkt

Bilder folgen ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten

Warum wirkt ein Bild auf dich?

Vielleicht hast du dir diese Frage auch schon gestellt.

Oft hören wir Antworten wie: „Die Farben sind schön.“

Oder: „Das Motiv gefällt mir.“

Oder: „Der Künstler wollte etwas ausdrücken.“

Das kann alles stimmen.

Aber ich glaube inzwischen, dass die eigentliche Wirkung eines Bildes viel früher beginnt – noch bevor wir erkennen, was überhaupt dargestellt ist.

Ein kleines Experiment

Stell dir ein leeres Blatt Papier vor.

Nun setzt du einen kleinen schwarzen Punkt genau in die Mitte.

Mehr passiert nicht.

Und trotzdem geschieht bereits etwas.

Der Punkt wirkt ruhig.

Ausgeglichen.

Fast selbstverständlich.

Jetzt verschiebst du denselben Punkt dicht an den rechten Rand.

Plötzlich entsteht Spannung.

Obwohl sich der Punkt überhaupt nicht verändert hat.

Nur seine Beziehung zum Raum.

Dieses kleine Experiment zeigt etwas Erstaunliches:

Ein Bild beginnt zu wirken, lange bevor es etwas darstellt.

Bilder sprechen ihre eigene Sprache

Je länger ich zeichne, desto deutlicher wird mir, dass Bilder ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen.

Eine waagerechte Linie wirkt anders als eine schräge.

Ein dunkler Fleck anders als ein heller.

Eine große Form anders als eine kleine.

Diese Wirkungen müssen wir nicht erst lernen.

Wir erleben sie unmittelbar.

Noch bevor wir wissen, was wir sehen, reagieren wir darauf, wie es sich im Bild verhält.

Wirkung entsteht zwischen den Dingen

Früher habe ich einzelne Formen betrachtet.

Heute interessieren mich vor allem ihre Beziehungen.

Eine Form allein erzählt nur wenig.

Erst im Zusammenspiel beginnt sie zu wirken.

Eine kleine helle Fläche kann eine große dunkle beruhigen.

Ein schmaler Zwischenraum kann zwei Formen verbinden oder voneinander trennen.

Ein leerer Bereich kann genauso wichtig sein wie eine sorgfältig ausgearbeitete Stelle.

Je länger ich arbeite, desto mehr habe ich den Eindruck: Ein Bild lebt nicht von seinen Einzelteilen.

Es lebt von ihren Beziehungen.

Das Motiv ist nicht der eigentliche Träger der Wirkung

Vielleicht erklärt das auch, warum abstrakte Bilder so berühren können.

Sie zeigen oft keine vertrauten Gegenstände.

Und trotzdem spürst du Spannung.

Ruhe.

Nähe.

Distanz.

Leichtigkeit.

Schwere.

Die Wirkung entsteht nicht erst dadurch, dass du etwas erkennst.

Sie entsteht durch das Zusammenspiel der Formen, Linien, Flächen und Räume.

Sehen lernen heißt Beziehungen sehen lernen

Wenn ich heute zeichne, frage ich mich immer seltener: „Fehlt hier noch etwas?“

Ich frage eher: Welche Beziehung fehlt?

Braucht diese Fläche ein Gegengewicht?

Ist eine Richtung zu dominant?

Ist irgendwo zu viel Ruhe?

Oder zu viel Bewegung?

Das verändert den gesamten Zeichenprozess.

Ich verbessere nicht mehr einzelne Formen.

Ich entwickle Beziehungen weiter.

Ein Bild ist mehr als die Summe seiner Teile

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis.

Ein Bild besteht nicht einfach aus Linien, Flächen und Farben.

Es entsteht aus ihrem Zusammenspiel.

Aus ihrem Gleichgewicht.

Aus ihren Spannungen.

Aus ihren Gegensätzen.

Je genauer du diese Beziehungen wahrnimmst, desto weniger bist du darauf angewiesen, ein Motiv möglichst perfekt abzubilden.

Denn die eigentliche Wirkung liegt nicht im Gegenstand.

Sie liegt in der Ordnung der Beziehungen.

Ausblick

Während ich begann, Bilder auf diese Weise zu betrachten, fiel mir noch etwas auf.

Es gibt bestimmte Kräfte, die immer wieder auftauchen.

Schwerkraft.

Balance.

Richtung.

Rhythmus.

Spannung.

Kontrast.

Bedeutung.

Vielleicht sind sie so etwas wie die Grammatik der Bildsprache.

Nicht Regeln, die du befolgen musst.

Sondern Kräfte, die in jedem Bild wirken – ob du sie bewusst wahrnimmst oder nicht.

Genau diesen Grundkräften möchte ich im nächsten Artikel nachgehen.