Über das Machen
Wann ist ein Bild fertig?
Zwei Weltbilder — und eine Antwort,
die über die Kunst hinausgeht
Die Frage klingt einfach. Fast jeder, der zeichnet oder malt, kennt den Moment: Soll ich noch etwas machen? Oder höre ich jetzt besser auf? Doch bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir eine andere stellen: Welche Vorstellung von Kunst habe ich überhaupt? Denn hinter der Frage „Wann ist ein Bild fertig?" stehen zwei völlig unterschiedliche Auffassungen von Kunst.
Das Bild existiert bereits im Kopf
In diesem Fall entsteht das Bild zunächst in der Vorstellung. Der Malprozess besteht darin, dieses innere Bild möglichst genau nach außen zu übertragen. Aufs Papier, auf die Leinwand. Das Bild ist dann fertig, wenn Innenbild und Außenbild übereinstimmen. Deshalb tauchen Gedanken auf wie: Hier fehlt noch etwas. Da muss ich noch korrigieren. Jetzt stimmt es.
Das Ziel steht von Anfang an fest. Der Künstler entscheidet (nach Gefühl), wann das Bild seiner Vorstellung entspricht. Diese Vorstellung ist mit sehr viel Leistungsdruck verbunden, alles richtig zu machen.
Diese Vorgehensweise hat tiefe historische Wurzeln. In der Eitempera und beim Fresko war ein offener Prozess schlicht nicht möglich: Die Komposition wurde als Karton vorgezeichnet, auf den Grund übertragen, dann Feld für Feld ausgemalt. Das Material erlaubte keine Korrekturen, keine Improvisation. Der Maler war Ausführender einer bereits fertigen Idee – Malen nach Plan, im wörtlichsten Sinne. Die Frage „Wann ist ein Bild fertig?" hatte damals eine klare Antwort: wenn der Plan vollständig umgesetzt war.
Erst die Ölmalerei brachte die Wende: Plötzlich waren Übermalungen möglich, Schichten, Korrekturen. Das Bild konnte sich während des Entstehens verändern. Der offene Prozess wurde nicht nur möglich – er wurde zur eigenen Ästhetik.
Das Bild weiß mehr als ich
Es gibt aber noch einen anderen Weg. Eine andere künstlerische Vorstellung. Hier beginnt alles mit einer leeren Fläche — vielleicht einer Stimmung, einer Richtung, einer Ahnung. Aber keiner fertigen Vorstellung. Man setzt den ersten Strich und beginnt zuzuhören. Nicht: Was will ich? Sondern: Was braucht das Papier? Welche Form versucht gerade zu entstehen?
Das Bild wird nicht umgesetzt. Es wird entdeckt. Der Künstler wird weniger zum Erfinder als zum Begleiter eines Prozesses. Hier unterscheiden sich nicht nur zwei Malweisen — hier unterscheiden sich zwei Weltbilder. Im einen entsteht etwas, weil ein Mensch es macht. Im anderen entsteht etwas, weil Bedingungen geschaffen werden, unter denen etwas noch Unbekanntes, noch Unsichtbares entstehen kann.
Das Gespräch mit dem Unsichtbaren
Paul Klee soll geschrieben haben: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar." Wenn das Unsichtbare sichtbar werden soll, kann ich vorher gar nicht wissen, wie es aussehen wird. Stattdessen trete ich in ein Gespräch — mit dem Papier, mit der Linie, mit der Farbe, mit dem Material, mit den Zufällen - mit all meiner Aufmerksamkeit. Ich frage erst das Papier, dann die ersten Farbflecken und entstehenden Formen: Was brauchst du von mir, um dich zu entwickeln - wohin auch immer?
Der Künstler wird zum Geburtshelfer. Er produziert nicht. Er begleitet und macht Angebote.
Wann ist das Bild dann fertig?
Vielleicht lautet die Antwort: Es ist nicht fertig. Es ist vollkommen. Nicht vollkommen im Sinne von perfekt, makellos, fehlerlos. Sondern vollkommen im ursprünglichen Sinne: es ist ganz da. Für diesen Augenblick fehlt nichts. Ich könnte weitermalen — aber ich muss nicht. Das Bild verlangt nichts mehr von mir. Es steht auf eigenen Füßen.
Wie ein Kind
Ein Kind ist nach seiner Geburt nicht fertig. Es wird wachsen, sich verändern, lernen, altern. Und dennoch würden wir niemals sagen, es sei unvollständig - es sei denn, man nimmt den Erwachsenen als Maßstab. Das Bild ist stets vollkommen — nicht weil nichts mehr kommt, sondern weil für jeden einzelnen Augenblick der Arbeit nichts fehlt. "Fertigsein" schließt Weiterentwicklung aus. Vollkommenheit nicht. Sie macht sie überhaupt erst möglich.
Meine Aufgabe
Je länger ich zeichne, desto mehr glaube ich, dass diese Frage gar nichts mit Kunst allein zu tun hat. Auch Menschen sind nie fertig. Und dennoch gibt es Augenblicke, in denen sie vollkommen sind — nicht weil sie ihr Ziel erreicht hätten, sondern weil sie ganz da sind.
Früher dachte ich, meine Aufgabe bestehe darin, Bilder zu machen. Heute glaube ich: Bilder wollen entstehen. Meine Aufgabe besteht nicht darin, die Entwicklung (wie ein Erzieher) zu kontrollieren — sondern aufmerksam genug zu sein, um ihre Entwicklung nicht zu stören.
Was das für meine eigene Arbeit bedeutet, beschreibe ich auf der Seite Wonach ich suche.