Über das Machen
Zeichnen beginnt
nicht mit der Hand
Es beginnt mit einer neuen Art zu sehen
Viele Menschen glauben, Zeichnen sei vor allem eine Frage der Technik.
Sie üben Perspektive.
Schraffuren.
Proportionen.
Den sicheren Strich.
Das alles ist wichtig.
Aber je länger ich zeichne, desto mehr habe ich den Eindruck, dass der eigentliche Unterschied schon viel früher entsteht.
Nicht in der Hand.
Sondern im Sehen.
Wir sehen selten das, was da ist
Wenn du einen Baum anschaust, denkst du wahrscheinlich sofort: „Das ist ein Baum.“
Wenn du ein Gesicht siehst: „Das ist ein Mensch.“
Unser Gehirn arbeitet unglaublich schnell.
Es erkennt.
Es ordnet ein.
Es gibt Dingen Namen.
Das hilft uns im Alltag.
Beim Zeichnen steht uns diese Fähigkeit jedoch oft im Weg.
Denn sobald wir etwas erkannt haben, hören wir auf, genauer hinzusehen.
Der Zeichner sieht Beziehungen
Mit der Zeit hat sich mein Blick verändert.
Ich sehe nicht mehr zuerst den Baum.
Ich sehe Richtungen.
Gewichte.
Zwischenräume.
Verdichtungen.
Rhythmen.
Spannungen.
Ich sehe nicht weniger.
Ich sehe anders.
Und genau dadurch verändert sich auch meine Zeichnung.
Das Motiv verschwindet nicht
Manchmal werde ich gefragt, ob ich das Motiv dann überhaupt noch wahrnehme.
Doch natürlich.
Ich sehe den Baum.
Ich sehe den Menschen.
Ich sehe die Landschaft.
Aber sie sind nicht mehr das Einzige, was ich sehe.
Zwischen den Dingen erscheint eine zweite Ebene.
Eine Ebene aus Beziehungen.
Und genau dort beginnt das Zeichnen interessant zu werden.
Zeichnen heißt unterscheiden lernen
Vielleicht besteht Lernen im Zeichnen gar nicht darin, immer mehr zu wissen.
Vielleicht besteht es darin, immer feiner unterscheiden zu können.
Wann wirkt etwas schwer?
Wann leicht?
Wann wächst eine Form?
Wann drängt sie?
Wann zieht sie den Blick an?
Wann gibt sie ihn wieder frei?
Je genauer ich diese Unterschiede wahrnehme, desto klarer wird auch meine Arbeit.
Nicht weil ich mehr kontrolliere.
Sondern weil ich mehr bemerke.
Aufmerksamkeit verändert das Bild
Das Erstaunliche ist: Sobald sich mein Blick verändert, verändert sich auch das Bild.
Nicht weil ich eine neue Technik gelernt hätte.
Sondern weil ich auf andere Dinge achte.
Vielleicht ist das der eigentliche Sinn jeder Übung.
Nicht eine Fähigkeit zu trainieren.
Sondern die Aufmerksamkeit zu verändern.
Denn wir zeichnen letztlich immer das, was wir wahrnehmen.
Ausblick
In den letzten Artikeln ging es immer wieder um Kräfte: Spannung. Balance. Richtung. Rhythmus.
Je länger ich hinschaue, desto deutlicher wird mir, dass diese Kräfte nicht zufällig sind.
Sie tauchen immer wieder auf.
Vielleicht bilden sie so etwas wie das Grundvokabular jeder Bildsprache.
Im nächsten Artikel möchte ich deshalb mit der ersten dieser Kräfte beginnen.
Nicht mit einer Regel.
Sondern mit einer Beobachtung.