Wie lassen sich Tatsachen definieren?

Tatsachen und ein bewusstes Leben

Ein klarer Blick auf die Dinge

Kennst du den Unterschied zwischen Tatsachen und Gedanken? Sobald du ihn kennst, findest du innere Freiheit und kannst dich aus den Fesseln deiner Denk- und Verhaltensmustern befreien.

Tatsachen erkennen und trennen können von Gedanken bringt dir inneren Frieden und Freiheit.

Tatsachen lassen sich nicht ändern. Aber Gedanken, Überzeugungen und Glaubenssätze lassen sich hinterfragen, verändern und schließlich auch loslassen.

Dieses Unterscheiden-Können gehört mit zu einem bewussten Leben und ermöglicht dir, die Verantwortung für dein Leben zu übernehmen. Wie aber werden Tatsachen eigentlich definiert?

Unser Leben fühlt sich manchmal an, als wären wir ein Spielball der Umstände. Ob es uns gut geht, ob wir Stress haben, ob wir wütend oder ob wir eifersüchtig werden – es scheinen die äußeren Umstände zu sein, die unser Wohl und Wehe bestimmen. Die Wirklichkeit hat uns fest im Griff. Als wären wir dem Leben ausgeliefert.

Oder es sind unsere Denk- und Verhaltensautomatismen, die ein Eigenleben führen, uns mitreißen und die uns glauben lassen, wir wären ferngesteuert. Die uns das Gefühl geben, manchmal unser Leben nicht wirklich nach unseren Vorstellungen zu gestalten und zu leben.

Selbst kleine äußere Anlässe können Reaktionsmuster auslösen, bei denen wir neben uns stehen.

Bei solchen Erfahrungen stellt sich unweigerlich die Frage, wo wir unser Leben selbst in der Hand haben? Sind wir nur biologische Roboter, die mehr schlecht als recht programmiert wurden? Insekten mit ein bisschen mehr IQ?

Auch wenn wir es uns manchmal wünschen: wir können das Geschehen um uns herum nicht in Luft auflösen und unser Leben einfach abwählen. Die Auslöser für Wutanfälle lassen sich nicht aus unserer Umgebung verbannen.

Betrachten. Bedenken. Bewegen.

Seine Gedanken beobachten

Dank unserer Fähigkeit, seine Gedanken und Gefühle beobachten zu können, können wir über uns selbst nachdenken und unser Leben bewusster leben. Wie lernt man, seine Gedanken selbst zu beobachten?

Man kann es sich im Falle der Wut so vorstellen. Wir sind eine Art Pulverfass und um uns herum hantieren die Menschen mit Feuerzeugen. Die Lösung heißt natürlich nicht, den Menschen die Feuerzeuge wegzunehmen, sondern sein Leben als Pulverfass zu verändern.

Zu allem Unglück sitzen die stressauslösenden Trigger manchmal in uns. Ein einzelner Gedanke an unsere Speckringe kann ein Verhaltensmuster und ein Gedankenkarussell lostreten, das uns Stunde um Stunde nicht zur Ruhe kommen lässt.

Bei allem Stress und mancher Verzweiflung über das Leben, trotz klarer Schuldzuweisung an andere Menschen bleibt immer ein minimaler Rest von Zweifeln. Wir fragen uns: Was ist wahr und was rede ich mir ein? Was wird mir eingeredet? Was rede ich mir ein? Was kann ich glauben? Wem kann ich trauen? Mir oder den anderen? Wer sieht die Tatsachen klarer?

Tatsachen sind ganz einfach – immer

Wie lassen sich Tatsachen definieren? Für viele von uns sind Tatsachen all das, was uns umgibt. Mehr oder weniger alles. Das Leben. Die Umstände. Alle Sachverhalte, die wir sehen. Und auch alles, was wir hören: Die Nachrichten im Fernsehen, die Nachrichten aus der Zeitung sind Tatsachen.

Es sind die Dinge, die uns oder anderen passieren, die Dinge, uns und anderen widerfahren: das alles – glauben wir – sind Tatsachen.

Doch Tatsachen sind viel weniger. Tatsachen sind die Dinge auf der Welt, die alle Menschen genauso sehen wie wir. Ein Apfel fällt überall auf der Welt von oben nach unten. Kein Mensch sieht das anders. Vögel fliegen, Fische schwimmen. Alles ganz einfach. Ein Mann geht, eine Frau sitzt, ein Kind schläft. Es regnet.

Das sind Tatsachen. Über Tatsachen – wie ich sie definiere – können wir uns nicht streiten.

Sobald wir eine Tatsache wahrgenommen haben, sei es über die Augen oder die Ohren, beginnt sofort das „Nach-Denken“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Und dieses Nach-Denken ist durch unsere persönliche Lebensgeschichte und die persönlichen Einstellungen sehr individuell gefärbt.

Doch „mit Gedanken betrachtet“ sind Tatsachen schon keine Tatsachen mehr.

Kleine Ergänzungen mit großer Wirkung

Werfen wir den Blick auf ein Beispiel, um zu erfahren, wie schnell eine Tatsache subjektiv wird. Die Tatsache lautet: „Eine Frau sitzt auf einer Parkbank.“

Jemand sieht sie dort sitzen und sagt: „Dort sitzt eine schöne Frau.“ So formuliert ist das bereits Ausdruck einer subjektiven Wahrnehmung. Ob die Frau schön ist oder nicht, muss jeder Betrachter selbst entscheiden. Auch die Beobachtung: „Eine Frau langweilt sich auf einer Parkbank!“ ist bereits keine Tatsache mehr, denn ob sie sich langweilt oder nicht, weiß am Ende nur sie selbst.

Beide Beobachter machen aus der Tatsache, dass eine Frau auf einer Parkbank sitzt, mehr als sie beobachten können. Der eine erlebt sie als schön, der andere glaubt ihre Langeweile zu sehen. Sie dichten der Tatsache etwas hinzu und erleben diese kleine Ergänzung als Realität. Aber streng genommen ist ihre Wirklichkeit ein bisschen Tatsache und ein bisschen Einbildung. Doch dazu mehr weiter unten. Bleiben wir bei der Besprechung von Tatsachen.

Langweiler oder Denker?

Der objektive Blick auf einen Menschen, was er tatsächlich tut, ist so gut wie unmöglich. Plakativ gesagt erfinden wir einen Menschen, sobald wir zum ersten Mal begegnen.

Ein Menschen, der viel redet, wird vielleicht in unseren Augen ein redegewandter oder ein redseliger Mensch. Oder ein Aufschneider oder eine Quasselstrippe. Aus einem ruhigem Menschen wird ein Langweiler oder ein Mensch mit Tiefgang. Ein Denker

Personen, denen wir zum ersten Mal begegnen, werfen wir unserem Urteilsvermögen zum Fraß vor. Unser Urteil fällen wir blitzschnell und damit wird dieser Mensch unserer persönlichen Realität einverleibt und integriert.

Im Laufe der Zeit bestätigt sich unser Urteil über den anderen. Der erste Eindruck bleibt, wie es treffend heißt. Der, der bei den nächsten Begegnungen wenig redet, bestätigt, dass er ein Langweiler ist. Oder er bestätigt, dass er ein Mensch mit Tiefgang ist. Eine Persönlichkeit.

Und aus dem ersten subjektiven Eindruck wird durch Wiederholung die Bestätigung, dass wir von Anfang an mit unserem Urteil richtig lagen. Wir haben offensichtlich recht. Doch eigentlich bestätigen wir nur, dass wir andere Eigenschaften des anderen gar nicht sehen können.

Die einzige Tatsache ist die, dass diese Person nicht viel redet und mit Sicherheit mehr Qualitäten mitbringt.

Tatsache "Untätigkeit"

Doch nicht genug damit, dass wir das tatsächliche Verhalten eines anderen Menschen interpretieren und so zu einem Teil unserer Realität machen. Wir denken sogar über das Nicht-Verhalten eines Menschen nach.

Untätigkeit oder eine Unterlassung des Partners interpretieren wir vielleicht als bewussten Affront gegen unsere Wünsche und Bedürfnisse. Wer sich mehr emotionale Nähe mit seinem Partner wünscht, aber Angst hat, selbst aktiv zu werden, weil er seinen Partner nicht bedrängen will oder mit dem Glaubenssatz lebt, nicht liebenswert zu sein, der erwartet ein Zeichen, Initiative – aber sieht nur Untätigkeit und ist vom Partner enttäuscht.

Betrachten. Bedenken. Bewegen.

Seelische Nähe ist keine Frage physischer Anwesenheit, sondern gefühlter Verbundenheit. Wie lässt sich solch eine Verbundenheit angstfrei herstellen?

Selbst Untätigkeit als Tatsache nutzen wir, um sie zu interpretieren. Oder münzen ein bestimmtes Verhalten als Untätigkeit um. Wenn sich Eva von ihrem Ehepartner mehr Initiative Richtung Zweisamkeit wünscht, dann wird aus dessen Gang in den Hobbykeller plötzlich „Untätigkeit, Passivität“.

Die Leistung unseres Gehirns ist erstaunlich. Und gnadenlos.

Wer auf Händen getragen werden will, der verurteilt das Nicht-Tragen als persönliches Desinteresse. Wer sich gern öfter mit seinem Partner im Gespräch austauschen möchte, aber keine Resonanz bekommt, der interpretiert dessen Zurückhaltung als Lieblosigkeit.

Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick hat einmal gesagt, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Also selbst das Schweigen oder Passivität ist eine Form von Kommunikation.

Diese Kommunikationsregel lässt sich auch gut umformulieren: „Egal, was du machst oder nicht machst, ich werde es nach meinen Regeln interpretieren.“

Kommen wir noch einmal auf die Tatsache „Schweigen“ zurück. Manch einer interpretiert Schweigen als Nachdenklichkeit. Im Land der Denker und Dichter wird es verkauft wie eine Tugend. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

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Doch bei manchen schweigenden Menschen ist es vielleicht nichts weiter als eine tumbe Teilnahmslosigkeit am Leben. Sie haben nichts mehr zu sagen und verkaufen es als tiefschürfendes Schweigen.

In vielen Beziehungen wird das Schweigen des Partners als Strafe und Kränkung verstanden; eine Ehe lang, wenn man nicht darüber redet.

In die Freiheit

Ich kenne beides von mir, leider. Und ich kann glücklicherweise sagen, dass sich das geändert hat. Mein Abitur habe ich Ende der 1970er Jahren gemacht. Ich war zwar belesen, aber ich konnte das, was ich „wusste“, nicht wirklich gut erklären und lebte auch mit dem Glaubenssatz, dass sich keiner für mich interessierte.

So neigte ich zum Schweigen und kam mir selbst interessant dabei vor. Und – das ist jetzt eher ein witziger Aspekt – ich hatte mir als Kind vorgestellt, dass wir Menschen nur 500 Wörter im Laufe unseres Lebens benutzen können. Aus heutiger Sicht sind 500 Wörter lächerlich wenig, aber für mich als kleiner Junge war es viel. Wichtig ist mir zu erzählen, dass ich die Vorstellung hatte, der Gebrauch von Wörtern sei limitiert. Vielleicht neigte ich deshalb zum sparsamen Umgang mit Wörtern …

Praxisnahe Übung

Wie Glaubenssätze wirken

Graue Theorie war mal. Erfahre in einer kurzen Dialog-Box, wie Glaubenssätze dein Leben (negativ) beeinflussen.

Und das eisige Schweigen nach einem harten Streit? Ja, das ist ein unrühmliches Kapitel in meinem Leben. Es war die Unfähigkeit, aus meiner Kränkung heraus nach einem Streit wieder Kontakt aufzunehmen, und es war die Unfähigkeit zu sehen, wie es als Machtinstrument beim Partner ankommen könnte.

Gott sei Dank habe ich dieses asoziale Verhalten durch Selbsterfahrungs-Seminare ablegen können. Es war einer der Schritte in meine Freiheit.

Nur die Tatsachen sehen

Wie wäre denn ein Leben, in dem wir nur die Tatsachen sehen könnten? Ein Leben ohne subjektives Urteil? Schwer vorstellbar.

Zwar mag es schwierig umzusetzen sein, aber es viele Menschen, die es zumindest versuchen in Teilen in ihr Leben zu integrieren. Zen-buddhistische Meditation und Aufmerksamkeitsübungen helfen dabei.

Du kannst dir auch vorstellen, du wärst eine Video-Kamera, die alles um sich herum aufzeichnet, ohne Verstand, der die Dinge sogleich bewertet. Dir würden als erstes Bewegungen auffallen. Du wirst aufzeichnen, wie jemand von A nach B läuft. Schnell oder Langsam. Wie er vor einer anderen Person stehenbleibt. Du hörst nichts, aber du siehst sie gestikulieren.

Du kannst dir auch vorstellen, dass du über Nacht dein altes Leben verloren hast und um dich herum ist alles neu und ungewohnt. Das ist eine wirklich spannende Übung: ein fremder Mensch in deinem Bett. Oder beim Frühstück: Seine Art zu essen, das Brot zu streichen, den Kaffee zu trinken, überhaupt, was ist das für ein Geruch in der Wohnung? Wie ist sie eingerichtet? Usw. Und du? Kannst du dir selbst unvoreingenommen begegnen?

Eine andere Idee, wie man sich ein „Leben in Tatsachen“ vorstellen kann, ist es, als Marsbewohner zu Besuch auf die Erde zu kommen. Du begegnest zum ersten Mal Pflanzen, Tieren und Menschen. Die Pflanzen fallen dir vielleicht durch ihre vielfältigen Formen auf. Die Tiere und Menschen durch die Art und Weise, wie sie sich bewegen. Was sie „machen“.

Du als Marsianer ohne Urteilsvermögen siehst Tiere, die auf einer Wiese stehen und Gras fressen. Du siehst Menschen, die sich umarmen und küssen. Für dich als Marsianer ist alles seltsam. Du wirst – zurück auf dem Mars – von Wesen berichten, die im Wasser leben, und du wirst erzählen, wie sich Menschen Worte zugeflüstert haben, Hand in Hand gehen und oder sich küssen.

Warum tun die Menschen das? Du als Marsianer willst das gar nicht wissen. Es ist auch nicht deine Aufgabe, den anderen Marsianern das Geschehen auf der Erde zu erklären. Du sollst nur beschreiben und nichts erklären. Für alles eine Erklärung zu suchen ist eine sehr menschliche Eigenschaft.

Oder versuche doch einmal, als lebender Fotoapparat durch die Welt zu gehen. Bleibe bei einem Spaziergang einen kurzen Moment stehen, mach ein Klick mit deinen Lidern und beschreibe dir selbst diese Momentaufnahme. Geht weiter und mach das nächste Foto. Immer wieder.

Und was ist der Nutzen von all diesen Übungen? Erstens wird dir klar, was Tatsachen wirklich sind. Außerdem wirst du große Ruhe finden. Eine innere Freiheit – eine Freiheit vom ganzen Gedankengeplapper, das im Alltag durch deinen Schädel lärmt.

Tatsachen verdrehen

Hand auf Herz: Verdrehst du die Tatsachen? Wahrscheinlich nicht. Aber andere Menschen tun es?!

Tatsachen verdrehen immer nur die anderen. Klar. Wir doch nicht! Und wir erleben es als unglaubliche Unverschämtheit, wie andere Menschen lügen und betrügen und uns etwas vormachen wollen. Wie sie die Tatsachen verdrehen!

Geht man einmal davon aus, dass die betreffenden Menschen nicht lügen, dann verdrehen sie die Tatsachen auch nicht, sondern sie interpretieren sie nur anders als wir es tun. Was kann daran schlecht sein? Ist das vorsätzlich im Sinne einer bewussten Verdrehung?

Was – glaubst du – passiert bei ihnen im Kopf? Sind sie partiell geisteskrank? Ein bisschen böswillig. Intrigant? Oft erleben wir es ja auch als Trotz: Sie wollen uns aus Trotz nicht recht geben!?

Aber sie sind weder geistig neben der Spur noch intrigant. Sie interpretieren die gemeinsam erlebte Situationen anders. Sie leben in ihrer eigenen konstruierten subjektiven Realität – wie du und ich. Und das ist eine Tatsache, die ich dich bitte nicht zu verdrehen.

Keine Realität ist besser als die andere. Weder meine noch deine noch die anderer Menschen. Leider aber streiten wir immer noch darum, wessen Welt und wessen Weltverständnis das richtigere ist. In den allermeisten Streits zwischen zwei Menschen, Menschengruppen und Nationen geht’s darum, wer recht hat.

Die Behauptung, der Konfliktpartner würde die Tatsachen verdrehen, dient nur dazu, dem anderen die Legitimation seiner Argumente zu entwerten und ihn zu manipulieren.

Das Schönreden und das Schlechtmachen sind zwei Seiten einer Medaille: sich seine Realität kraft seiner Gedanken zu erschaffen.

Natürlich kennen wir viele Menschen, die genauso denken wir wir. Oder sehr ähnlich. Aber das heißt nicht, dass unsere Realität wahrer ist und unsere Gedanken nur eine untergeordnete Rolle spielen. Das heißt nur, dass wir dank dieser ähnlich denkenden Menschen nicht allein sind mit unseren Gedanken und unserer Weltkonstruktion.

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Betrachten. Bedenken. Bewegen.

Seine Gedanken beobachten

Dank unserer Fähigkeit, seine Gedanken und Gefühle beobachten zu können, können wir über uns selbst nachdenken und unser Leben bewusster leben. Wie lernt man, seine Gedanken selbst zu beobachten?