Schreib dich frei

Automatisches Schreiben

Abtauchen in die Seele

Automatisches Schreiben ist ein Kritzeln mit Worten und Sätzen, die wie Spuren unserer Seele auf dem Papier zurückbleiben. Es saugt den Gedankenstrom unseres Unterbewusstseins auf das Papier.

Wertvolle Tipps automatisches Schreiben

Das schnelle automatische Schreiben ist auch ein Schreiben, bei dem man sehr ehrlich zu sich selbst ist. Es ist kein bedachtes oder überlegtes Berichten als vielmehr ein Entdecken und intuitives Eintauchen in sein Unterbewusstes.

Übrigens gibt es – außer Sokrates – keinen Philosophen, der nicht geschrieben hätte. Philosophie ist ohne Schreiben nicht vorstellbar.

Für wen ist automatisches Schreiben geeignet?

Die Antwort ist einfach: Für alle, die sich durch Schreiben ausdrücken und Literatur machen wollen, bis hin zu Menschen, die eine Methode suchen, in ihr Seelenleben abzutauchen und sich selbst zu entdecken.

Beim automatischen Schreiben sind wir wie Archäologen unserer Erinnerung. Mit dem Schreibstift legen wir frei, was auf seine Entdeckung gewartet hat. Beim schnellen Schreiben fangen wir mit einem Schmetterlingsnetz nach unseren Träumen und gehen unter in der Realität des Hier und Jetzt. Das automatische Schreiben macht unsere geistigen Überzeugungen und Glaubenssätze sichtbar und bringt unsere ungeliebten Schattenanteile ans Licht.

Wir können uns beim schnellen Schreiben verbal austoben und wüten und uns für unsere Ängste öffnen und die Trauer zeigen, die seit Jahren in unseren Augenwinkeln nistet.

Beim automatischen Schreiben können wir wagen, was wir uns beim gepflegten Deutsch des Tagesbuchs nicht erlauben würden.

Überhaupt sind literarische Ansprüche an unsere geschriebenen Worte eher kontraproduktiv für ein lebendiges Schreiben. Das schnelle Schreiben hält dagegen. Wer gern Literatur schreiben will, fängt nicht mit einem Bestseller an.

Wie funktioniert automatisches Schreiben?

Während das Tagebuchschreiben eher ein überlegtes und durchdachtes Schreiben ist, so ist das automatische Schreiben ein spontanes und kreativ-lebendiges Schreiben.

Alles, was du brauchst, ist ein Stift und Papier oder ein Computer, wo du in ein Textprogramm hineinschreibst.

Du brauchst nur wenig Zeit. entweder legst du Zeitfenster oder die Textmenge fest.

Zwar brauchst du nur wenig Zeit, aber bedenke, dass wir für all unsere Tätigkeiten immer ein bisschen gedanklichen Vorlauf brauchen. Wir stimmen uns gedanklich ein, bevor wir irgendeine Tätigkeit beginnen.

Sobald du dort sitzt, wo du schreiben willst, kannst du loslegen. Schreib das, was dir als erstes einfällt und überlege nicht lang, ob es richtig oder falsch ist. Beim automatischen Schreiben gibt es kein richtig oder falsch, weder inhaltlich noch grammatikalisch.

Das Schöne beim Schreiben ist es, dass das geschriebene Wort verbindlich ist. Sobald es auf dem Papier steht, lässt sich der dahinter stehende Gedanke nicht mehr leugnen. Kein Durchstreichen, kein TippEx kann es ungeschehen machen. Worte und Sätze, die geschrieben worden sind, lassen sich nicht mehr ignorieren.

Deshalb ist das Schreiben auch wunderbar geeignet für eine Reise nach innen. Wir entdecken hier die Ursachen für unsere Eifersucht, finden die Gründe heraus, warum wir uns streiten, verweilen vielleicht bei unserem Bedürfnis nach mehr seelischer Nähe mit unserem Partner oder lesen schwarz auf weiß, dass wir nicht immer ehrlich zu uns selbst sind. Oder zu anderen.

Schnelles Schreiben wirft Fragen auf, verwirrt manchmal den Geist, und klärt gleichzeitig mit seinen Antworten.

Tagebuch oder automatisches Schreiben?

Man kann unterscheiden zwischen dem Führen eines Tagebuches, in dem die Tagesereignisse in Berichtsform festgehalten werden, oder einem schnellen automatischen Schreiben.

Allein das schnelle Schreiben als solches ist sehr befreiend. Wer schreibt, kommt auch leichter aus seinem Gedankenkarussell heraus.

Bei den alten Pädagogen hieß es: Von der Hand in den Kopf! Dreht man dieses Motto um und bringt noch eine Änderung ein, könnte es lauten: Vom Herzen über die Hand aufs Papier. Und das im weitesten Sinne. Du kannst auch in den Computer reinschreiben.

Jeder macht es so, dass es für ihn passt. Wer’s sinnlicher mag, schreibt mit dem Füller in ein schön gestaltetes Tagebuch. Wer’s schnell mag und schnell tippen kann, nutzt den Computer.

Morgenseiten

Eine ritualisierte Form des automatischen Schreibens sind die sogenannten „Morgenseiten“ von Julia Cameron. Sie beschreibt in ihren Büchern „Der Weg des Künstlers“ oder „Von der Kunst des kreativen Schreibens“ dieses tägliche automatische Schreiben. Sie empfiehlt morgens vor dem Frühstück zu schreiben, wenn sich der Kopf noch nicht wieder an den Alltagssorgen abarbeitet.

Die Morgenseiten umfassen drei handgeschriebene Blätter. Wichtig ist, dass es wenigstens drei Blätter sind. Der Grund ist schnell erklärt: Auf den ersten beiden Seiten „passiert“ kaum etwas. Inhaltlich erschöpft sich das Schreiben oft in Nebensächlichkeiten. Es ist wie Small Talk auf einer Party. Man gibt sich freundlich.

Diese ersten beiden Seiten sind eine Durststrecke, die wir überwinden müssen und um die wir nicht herumkommen.

Erst nachdem wir etwas mehr als die Hälfte geschrieben haben, berühren wir das, was uns wirklich beschäftigt. Der vornehme innere Widerstand, uns wirklich und gradheraus zu äußern, wird schwächer. Auf der dritten Seite wird es uns mehr und mehr egal, was wir schreiben. Und jetzt plötzlich tauchen Textpassagen auf, über die wir uns wundern, dass sie von uns stammen.

Wir umkreisen unser Herz.

Auch wenn wir erst auf der dritten Seite „zur Sache“ kommen, können wir die beiden ersten Seiten nicht überspringen und mit Seite drei anfangen. Es ist wie bei den Blumen. Erst wächst der Stil, dann die Blüte.

Nach ein bisschen Erfahrung und Übung merkt man schon auf den ersten Seiten, wie „artig“ man schreibt. Dann wächst allmählich die Bereitschaft, früher zum Kern des Themas vorzustoßen.

6 Tipps zum schnellen Schreiben

Diese Anleitung zum automatischen Schreiben soll noch ergänzt werden um 6 Tipps, die dir helfen werden, das automatische Schreiben mit viel Freude für dich zu entdecken und zu lernen.

Tipp 1 – Routine

Für ein „ertragreiches“ Schreiben mit vielen Erkenntnissen und guten Ideen ist es hilfreich, das automatische Schreiben zu einer Gewohnheit werden zu lassen. Im besten Fall täglich. Jeden Morgen oder jeden Abend.

Wer diszipliniert schreiben will, sollte es sich leichtmachen und für gleichbleibende Bedingungen sorgen. Hilfreich ist es, einen jour fix einzurichten, an dem man sich orientieren kann. Ich habe immer vor dem Frühstück geschrieben. So kam nur selten etwas dazwischen. Und mein Geist war immer schon vorbereitet.

Tipp 2 – Blockaden hinterfragen

Nur wenige Menschen können sich zu einer bestimmten Zeit an ihren Schreibplatz setzen und einfach loslegen. Unabhängig von oft widrigen privaten oder beruflichen Umständen funktioniert es auch deshalb nicht gut, weil das eigentliche Schreiben schon lange vorher mit einem innerlichen Schreiben beginnt.

Sie überlegen einige Zeit im Voraus, worüber sie schreiben wollen. Und wenn ihnen dann nichts einfällt, oder wenn das, was ihnen einfällt, ihnen nicht wichtig genug erscheint, setzen sie sich gar nicht erst hin. Sie haben einen Mißerfolg vor ihrem geistigen Auge.

Erst lassen sie es nur ausnahmsweise ausfallen, dann immer häufiger – bis das automatische Schreiben vollständig einschläft. Was ist schiefgelaufen?

Hier pfuscht uns der Perfektionismus rein. Obwohl kein anderer Mensch außer uns selbst die Texte lesen wird, haben wir Angst vor unserem inneren Kritiker. Wir trauen uns nicht, etwas halbfertig oder schlecht stehen zu lassen.

Anstatt unser Herz zu fragen, was es sagen will und was aus uns raus will, denken wir darüber nach, ob die Grammatik und die Rechtschreibung stimmt. Hauptsache die Form passt, das Wesentliche ist Nebensache.

Hier hilft es, seine Glaubenssätze über das Schreiben zu hinterfragen. Zum Beispiel mit „The Work of Byron Katie“.

Ein Glaubenssatz, der viele Menschen daran hindert, sich lebendig und frei auszudrücken lautet: „Ich darf keinen Fehler machen!“ Ein anderer: „Woher weiß ich, dass das, was ich schreibe, richtig ist?“

Alles, was du schreibst, ist richtig. Weil du es schreibst. Weil es deine Gedanken sind. Weil es deine Gefühle sind.

Automatisches Schreiben ist ein Krizelkratzel mit Worten.

Mit solchenoder ähnlichen negativen Glaubenssätzen kanzeln wir unser Seelenleben vor uns und anderen Menschen ab. Unser sogenanntes Privatleben ist nicht nur für andere nicht sichtbar, sondern auch für uns selbst nicht.

Erst wenn wir solchen Glaubenssätze keine Macht mehr über uns geben, können wir wirklich unbekümmert drauflos schreiben und sehen dann schwarz auf weiß, was wir seit jeher wussten, aber nie wirklich wissen wollten. Automatisches Schreiben macht dich zum Trüffelschwein deiner vernachlässigten Seelenanteilen.

Tipp 3 – Unvollständige Sätze

Übrigens musst du keine vollständigen Sätze schreiben. Wer beim automatischen Schreiben in einen Flow kommt, dessen Herzverstand sprüht vor Ideen. Die Hand kommt gar nicht mehr mit.

Was einen echten Flow verhindern kann, ist das oft zu beobachtende Bedürfnis, vollständige Sätze zu schreiben. Mein Tipp ist es, sich über dieses Bedürfnis hinwegzusetzen und den angefangenen Satz als Fragment stehen zu lassen und die neue Idee schreibend weiter zu verfolgen.

Der Themenwechsel muss also nicht bis zum Absatzende warten, sondern beginnt in dem Moment, in dem die Idee in deinen Kopf schießt. Diese Bereitschaft, dem Inhalt ohne zu zögern eine neue Richtung zu geben, fördert deine Spontanität und auch Intuition.

Ziel des automatischen Schreibens ist nicht, am Ende einen vollständigen und gut lesbaren Text in der Hand zu halten, sondern durch das schnelle Schreiben seinem Herz ein Mittel und eine Methode zu geben, sich auszudrücken und all seine verschütteten Gedanken und Gefühle rauszulassen. Seine Schattenseite ans Licht zu bringen.

Tipp 4 – Schreibblockade

Manchmal weiß man nicht, worüber man schreiben soll. Ich habe es weiter oben bereits angesprochen.

Wenn du nicht weißt, wie du beginnen kannst, dann schreibe: „Mir fällt nichts ein.“ Anschließend schreibst du darüber, was du über dich denkst, dass dir nichts einfällt. Möglicherweise verurteilst du dich für deine Ideenlosigkeit, deine Unfähigkeit zu schreiben, für dein langweiliges Leben.

Einmal mehr diskreditieren dich deine eigenen Glaubenssätze. Du kannst sie, aber du musst sie nicht hinterfragen. Mir hat dabei The Work geholfen. Wichtig ist vor allem, dass du dir deiner eigenen Urteile über dich selbst bewusst wirst.

Wenn dir also nichts einfällt, dann mach das zum Thema … und schon bist du drin.

Tipp 5 – So schreibst du angstfrei

Wenn du Angst haben solltest, dass deine Texte heimlich (oder auch zufällig) gelesen werden könnten, bist du nicht wirklich frei beim schnellen Schreiben. Dein Unterbewusstsein wird dir einen Strich durch die Rechnung machen.

Es wird dir nicht gelingen, wirklich frei über das Thema zu schreiben, das dich bewegt. Seien es die Enttäuschungen über deinen Partner, sei es deine Eifersucht. Seien es deine Bedürfnisse und Wünsche und all deine Gefühle, die Tag für Tag wie Aprilwetter durch deinen Körper ziehen.

Anstelle schnell zu schreiben, wirst du viele Minuten wie hypmotisiert vor dich hin starren und dich fragen, ob du es wagen kannst, dies oder das zu schreiben. Denn es könnte ja gelesen werden!

Es geht um den kreativen Schreibprozess, nicht um perfekte Texte.

Da die Texte des automatischen Schreibens – anders als beim Tagebuch – nicht als eigenständige Literatur gedacht sind, lautet mein Tipp gegen diese Angst, die Seiten entweder ganz klein zu zerreißen und so zu entsorgen. Oder sie zu verbrennen. Solltest du in einen Computer reinschreiben, schließt am Schluss du die Textdatei ohne zu speichern.

Dieses „Loslassen“ des Textes hat auch den Vorteil, dass es dir vor Augen führt: es geht beim automatischen Schreiben vor allem darum, die geheimen Gedanken des Unterbewusstsein raus zu lassen und seiner Kreativität freien Lauf zu lassen.

Tipp : Um all die oben genannten Hindernisse zu umgehen, ist es sinnvoll, seine geschriebenen Seiten zu vernichten. Das hat viele Vorteile.

Es fällt leichter, sein Bedürfnis, alles richtig zu schreiben, wird ad absurdum geführt. Wer will noch auf die korrekte Schreibweise achten, wenn man weiß, dass am Ende des automatischen Schreibens alles im Papierkorb landet.

Beispielsweise wirft man Blatt für Blatt in den Papierkorb. Doch besteht hier die Versuchung, die Blätter wieder herauszuholen und noch einmal zu lesen.

Tipp 6 – Zeitfenster begrenzen

Wenn du nach mehreren Tagen bemerkst, wie das schnelle Schreiben immer wieder stockt, der Schreibfluss immer wieder unterbrochen wird und du dich als einen Menschen ohne Kreativität verurteilst, dann mach dir ruhig ein bisschen Druck mit einem Timer.

Mal angenommen, du schreibst nach der Methode von Julia Cameron die drei Morgenseiten, dann weißt ja so in etwa, wie lange du für diese Seiten brauchst.

Stell dir also den Timer so ein, dass deine Unterbrechungen nicht zu lang sein können. Sobald du dich nach ein paar Tagen an das erhöhte Tempo gewöhnt hast und du zwischen Start und Schreibende kaum noch Unterbrechungen hast, kannst du die Zeitspanne für dein automatisches Schreiben noch mehr anziehen.

Kreativität fördern

Auch Kreativität lässt sich methodisch lernen, und eine Methode ist das schnelle Schreiben. Denn es hebelt die Zensur des Verstandes aus und setzt unmittelbar am Unterbewusstsein an.

Kreativität „denkt“ nicht linear, sondern gleichzeitig und assoziativ. Sie ist ein unruhiger Geist, der Dinge und Themen miteinander verknüpft, die unser Verstand niemals miteinander verbinden würde – aus welchen „vernünftigen“ Gründen auch immer.

Um deine Kreativität zu fördern, beende beim automatischen Schreiben nicht mehr jeden Satz. Noch während du einen Satz schreibst, zündet bereits die nächste Idee und will starten – aber du willst erst einmal den alten Satz zu ende bringen. Warte, Idee, warte, sagst du.

Ne. Arbeite dich nicht an einem alten Gedanken ab, wenn eine neue Idee darauf wartet niedergeschrieben zu werden.

Unterbrich den Satz in dem Moment, in dem dir eine neue Idee durch den Kopf schießt, und beginne sofort, den neuen Gedanken zu Papier zu bringen.

Text-Kladderadatsch

Wenn du sofort nach dem automatischen Schreiben oder auch Tage später deine Texte noch einmal durchliest und du verstehst nur Bahnhof, dann hast du dich auf das automatische Schreiben wunderbar eingelassen.

Je besser du deinen Text verstehst, desto mehr hast du während des Schreibprozesses an einen fiktiven Leser gedacht, der dich verstehen soll. Versuche solchen Versuchungen nicht zu erliegen.

Falls du Angst hast, dass du auf diese Weise nie zu einem „richtigen“ Schreiben kommen wirst, dann bedenke, dass wir in Phasen lernen. Wir nähern uns in großen oder kleinen Spiralen unserem Ziel.

So lernst du mit täglich wenigen Minuten Ecriture Automatique deinen kreativen Geist zu fördern, der später deiner Schreibe als lebendiger Stil begleitet und dir eine Idee nach der nächsten schenkt.

Gedankenverlorene Hingabe

Automatisches Schreiben ist eine geniale Methode, um an die Themen heranzukommen, die einen immer wieder in problematische Situationen bringen. Manchmal allerdingslösen sich schon allein durch das Schreiben leichtere Blockaden – und nicht nur Schreibblockaden.

Nicht umsonst spielt das schnelle Schreiben auch eine Rolle bei der Hypnose-Ausbildung. Doch auch ohne Hypnotiseur an ihrer Seite gelingt es manchen Menschen, sich in eine Art Trance hineinzuschreiben. Die Texte fließen nur so aus ihnen hinaus. Wer hier nicht mit Begriffen wie Unterbewusstsein, Hypnose oder Trance reden will, der findet vielleicht den Begriff „Hingabe“ passender.

Bei der Hingabe an eine Sache verlieren wir jedes Gefühl für die Zeit. Wir können diese unverfälschte Hingabe bei Kindern beobachten, die sich im Spiel verlieren, und irgendwann von ihren Erziehern aus diesem Spielen herausgerissen werden.

Das automatische Schreiben ist eine gedankenverlorene Hingabe an sein Unterbewusstsein.

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